Sexualität ist nichts unanständiges – Leben mit Behinderung und Sexualität:

Thesen der BAG queer der PDS zum gemeinsamen Bundestreffen mit der AG Selbstbestimmte Behindertenpolitik. Autorinnen: Ralf Buchterkirchen, Heinz-Jürgen Voß

 

1. Sexualität stellt einen wichtigen Lebensbestandteil dar. Hier ist es besonders einfach Normalitäten, Hierarchien, Abhängigkeits- und Machtverhältnisse zu erzeugen. Heterosexualität und insbesondere die partnerschaftlich auf Ehe ausgerichtete Heterosexualität stellen Normen in der Gesellschaft dar, von denen „nicht abgewichen“ werden darf. „Schwul“, „lesbisch“, „behindert“, „degeneriert“ wird im Sprachgebrauch häufig abwertend für von der Norm abweichende Lebensweisen gebraucht.

2. Im Zusammenhang dieser Kategorisierung kommt es zu einer hierarchischen Anordnung von Individuen, bei denen man sich selbst in den Mittelpunkt stellt. Innerhalb einer lesbisch-schwulen Community werden Menschen diskriminiert, die von einem schematischen Schönheitsmuster abweichen. Menschen mit Behinderung sind davon besonders betroffen. Innerhalb einer Community behinderter Menschen kommt es zur Ausgrenzung von gleichgeschlechtlich empfindenden Menschen. Behinderte Lesben und Schwule unterliegen damit einer doppelten Diskriminierung.

3. Behinderte Menschen gelten innerhalb des heterosexuellen und homosexuellen Mainstreams als sexuell neutral. Eine Gesellschaft, die ganz binär in allen Belangen zwischen „Mann“ und „Frau“ unterscheidet, tut dies bei behinderten „Männern“ und „Frauen“ nicht. Sie werden zu Menschen mit Behinderung zusammengefasst. Dies geschieht nicht aus einem Moment queerer Bewegung, sondern beruht auf dem Grundkonsens der Gesellschaft, Menschen mit Behinderungen eine Sexualität abzusprechen.

4. Andererseits besteht gegenüber Menschen mit Behinderungen die Vorstellung unkontrollierbaren Verhaltens, dass sich auch auf die Sexualität erstreckt. Menschen mit Behinderungen wird unterstellt häufig bewusst und unbewusst Körperkontakte zu Menschen zu initiieren, um Sexualität auszuleben. Dabei wird Sexualität körperlich und geistig behinderter Menschen als „eklig“, als Zumutung wahrgenommen. Aus Ignoranz und vielleicht unterbewusstem Selbstschutz wird sie tabuisiert. Dieses Tabu hat schwerwiegende Auswirkungen. Behinderte Menschen werden nur unzureichend über Sexualität, Prävention und sexualisierte Gewalt aufgeklärt. Daraus folgend werden Menschen mit körperlicher und geistiger Behinderung häufig Opfer sexualisierter Gewalt und haben ein höheres Risiko für sexuell übertragbare Krankheiten.

5. Aus dem Tabu der Sexualität körperlich und geistig behinderter Menschen resultiert auch ein unzureichendes Eingehen auf spezifische Bedürfnisse. Erotische Phantasien und eine Intimsphäre allgemein spielen im Alltag vieler Pflegeheime eine geringe oder gar keine Rolle. Eine Privatsphäre wird den Bewohnern nicht zugestanden; die Betreuer sind zu jeder Zeit autorisiert jedes Zimmer zu betreten. Sexuelle Handlungen sind in einer solchen Atmosphäre und durch eine mangelhafte Aufklärung nicht in ausreichendem Maße möglich und bewusst. Sexuelle Assistenz ist verboten. Eine eventuelle, durch die Behinderung verursachte, Einschränkung der Funktionalität der Geschlechtsorgane und Inkontinenzprobleme führen häufig dazu, dass Menschen mit Behinderung keine zwischenmenschliche oder partnerschaftliche Sexualität leben wollen und können.

5. Lesben und Schwule mit Behinderung werden doppelt diskriminiert, wegen ihrer Behinderung und ihrer sexuellen Orientierung. Durch die faktische Heteronormativität der Gesellschaft ist das Kennenlernen gleichgeschlechtlich Liebender auf eng begrenzte Räume beschränkt. Der Zugang zu diesen ist kompliziert und häufig nur durch einen betreuenden Menschen möglich. Betreuende Menschen, die einer lesbischen oder schwulen Lebensweise der behinderten „Klienten“ offen gegenüberstehen, sind selten. Öfter wird das sexuelle Verlangen behinderter Menschen einfach ignoriert.

6. Innerhalb der lesbisch-schwulen Szene existierende Vorurteile haben zu einem wirksamen Ausschluss von Menschen mit Behinderung geführt. Das wiederum verstärkt die Unsichtbarkeit dieser Gruppe. Barrierefreie Zugänge als Minimumvoraussetzung zur Teilhabe sowohl bei Projekten als auch innerhalb der Partyszene sind selten vorhanden.

7. Das existierende Ideal von Ästhetik und Schönheit und der übersteigerte Körperkult vor allem innerhalb der schwulen Szene grenzt alle nicht dem Ideal entsprechenden Menschen aus. In einer solchen Szene werden Behinderte häufig nur als Fetisch wahrgenommen.

9. In Förderprogrammen lesbisch-schwuler Projekte spielen Finanzmittel für körperlich und geistig behinderte Lesben und Schwule nur in sehr seltenen Fällen eine Rolle.

10. Es gibt eine Diskrepanz zwischen dem Anspruch von queer und der praktischen Umsetzung der Einbindung von Menschen außerhalb der Norm. Queer ist derzeit eine Theorie des weißen Mittelstandes. Diesen Zustand gilt es zu überwinden.

Mögliche Ansatzpunkte zur Änderung der Situation:

1. Bildung und Aufklärung ist das wichtigste Mittel, um Unkenntnis und Vorurteilen zu begegnen. Integrative Kindergärten, Schulen und weiterführende Bildungseinrichtungen unterstützen das gegenseitige kennen lernen und ermöglichen allen eine gleichberechtigte Entwicklung, bei der Stärken und Schwächen Berücksichtigung finden. Wichtig ist das Abbauen bewusster Ängste und Vorurteile bei nicht behinderten Menschen.

2. Intensive Aufklärung unter Einbeziehung der Menschen mit Behinderung und der Pflegebedürftigen hilft den eigenen Körper und die Sexualität zu entdecken und zu akzeptieren. Gleichzeitig wird ein selbstbestimmter Umgang mit Sexualität gefördert und die Ohnmacht gegenüber sexuellen Übergriffen aufgebrochen.

3. Die lesbisch-schwule Community hat eine besondere Aufgabe sich zu öffnen und gleichberechtigt, wertfrei und akzeptierend auf lesbische und schwule Behinderte zuzugehen und diese in die Szene zu integrieren. Aus eigenen Diskriminierungserfahrungen sollten Probleme von Menschen mit Behinderung leichter zugänglich sein. Konkrete Ansatzpunkte sind:

· Barrieren in allen Bars, Kneipen, Beratungsstellen und Zentren müssen weg! Das bedeutet: Türen mit 80 cm Breite, keine Stufen, brauchbare Toiletten, im Idealfall elektrische Türen. Auch ein Zugang zu Darkrooms ist zu gewährleisten. Nicht rollstuhlgerechte Einrichtungen in Stadtführern und auf Internetportalen benennen. Das gilt auch für nicht rollstuhlgerechte Klappen und Parks.

· Informationen, Zeitungen, Zeitschriften und Bücher in Blindenschrift auf Kassette und Diskette übertragen. Internetportale, deren Aufbau und Informationsgehalt auf sehbehinderte Menschen orientieren.

· In lesbisch-schwulen Beratungseinrichtungen Schreibtelefone oder Faxe integrieren. Für alle Veranstaltungen sollte versucht werden Gebärdendolmetscher zu organisieren. Nicht gehörlosengerechte Veranstaltungen müssen als solche im Vorfeld benannt und beworben werden.

· Aufklärung in Behindertenanstalten und Institutionen betreiben! Stellungnahmen gegen sexualfeindliche Massenunterbringungen, in denen Privatsphäre verhindert werden. In lesbisch-schwulen Beratungszentren könnten, sofern sich hier noch keine Änderung ergeben hat, Räumlichkeiten organisiert oder zur Verfügung gestellt werden.

· Beteiligung von lesbischen und schwulen behinderten Menschen an der medialen Präsenz von Lesben und Schwulen. Bekannte lesbische und schwule behinderte Menschen können eine Vorbildrolle übernehmen. Unter anderem werden dadurch positive Identifikationspunkte geschaffen.

· Behinderung und Bildern von Behinderung in der lesbisch-schwulen Szene nicht unterschlagen! Durch Sichtbarkeit wird das Selbstbewusstsein behinderter Menschen gestärkt und die Realitätswahrnehmung nicht behinderter Menschen gefördert. Auch in Pornofilmen, Kalendern, Postkartenserien… sollten behinderte Menschen selbstverständlich vertreten sein.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.