Ansätze für eine lesbische und schwule Aufklärungsarbeit ohne weiße und männliche Dominanz

Noch vor der Schließung des lesbisch-bi-schwulen Infoladens Knackpunkt durch die Stadt Hannover hatte dieser ein interessantes Positionspapier in die Diskussion gebracht und an Gruppen und Vereine in Hannover verschickt. Damit es für die Diskussion nicht verloren geht, soll es hier – unverändert – zur Verfügung gestellt werden. Unter dem Titel “Aufklärungsarbeit mit Berücksichtigung des Migrationshintergrundes: Gegen rassistische, sexistische, homophobe, transphobe Ausgrenzung und Diskriminierung – Konzeptskizze” wurde herausgestellt, dass die aktuelle Aufklärungsarbeit den aktuellen Lebensbedingungen nicht mehr gerecht wird. Unter Kindern und Jugendlichen liege der Anteil derjenigen “mit Migrationshintergrund” bei 40%. Diese Kinder und Jugendlichen seien oftmals mit Mehrfachdiskriminierung konfrontiert – weder inhaltlich, noch personell werde diesem Sachverhalt in der Stadt Rechnung getragen.

Im Folgenden die Ausarbeitung des Infoladens (hier auch als pdf-Datei):

 

Aufklärungsarbeit mit Berücksichtigung des Migrationshintergrundes
Gegen rassistische, sexistische, homophobe, transphobe Ausgrenzung und Diskriminierung – Konzeptskizze –

Einleitende Bemerkungen
Die Stadt Hannover stellt in ihrem Integrationsplan aus dem Jahr 2008 einmal mehr heraus, dass sie eine offene, tolerante und akzeptierende Stadt ist. Menschen mit verschiedenen Lebensweisen machen das Leben der Stadt aus. Der Anteil von Menschen „mit Migrationshintergrund“ beträgt etwa ein Viertel der städtischen Bevölkerung. Unter Kindern und Jugendlichen beträgt der Anteil etwa 40 Prozent. Der Anteil von Homosexuellen dürfte nach derzeitigen seriösen Schätzungen bei etwa 5 bis 10 Prozent auch der hannoverschen Bevölkerung – mit und ohne Migrationshintergrund – liegen.

Der Nevermind e.V. und der von ihm betriebene LesBiSchwule Infoladen Knackpunkt in der Knochenhauerstraße 11 stellen eine der wichtigen Angebote für lesbisch, schwule, bisexuelle (und auch transgender) Jugendliche in Hannover dar. Aufgabe und Ziel des Nevermind e.V. ist es, Diskriminierungen und Vorurteile gegenüber Lesben, Bisexuellen und Schwulen abzubauen, Jugendliche in Aktivitäten zu unterstützen sowie diskriminierungsfreie Freiräume zu schaffen und bereitzustellen.

Das gilt selbstverständlich für Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund. Entsprechend wird im Integrationsplan der Stadt Hannover aus dem Jahr 2008 dem Nevermind e.V. / Knackpunkt, neben der Beratungsstelle Osterstraße, eine Basisaufgabe bei der Entwicklung und der Bereitstellung „interkultureller Angebote“ zugewiesen.

Dieser Aufgabe möchte der Nevermind e.V. / Knackpunkt nachgehen und, in enger Kooperation mit weiteren Vereinen und Initiativen, interkulturelles Material und Angebote entwickeln und bereitstellen. Kooperationspartner_innen sind unbedingt notwendig, da „mit Migrationshintergrund“ häufig besondere Lebens- und Diskriminierungserfahrungen verbunden sind, denen es Rechnung zu tragen gilt. Diese werden im Folgenden summarisch dargestellt, Schlüsse spezifisch für Angebote, die sich an lesbische, schwule, bisexuelle und transgender Jugendliche „mit Migrationshintergrund“ richten, gezogen und anschließend erste Handlungsaufgaben und Wege zur Bewältigung dieser aufgezeigt.

Spezifische Lebens- und Diskriminierungserfahrungen von Menschen „mit Migrationshintergrund“ – und Ableitungen für spezifische Angebote an lesbische, schwule, bisexuelle und transgender Jugendliche „mit Migrationshintergrund“
In ihrem Integrationsplan aus dem Jahr 2008 stellt die Stadt Hannover ungleiche Chancen und Möglichkeiten fest: Menschen, die nicht dem kulturellen Hintergrund der „Mehrheitsgesellschaft“ entsprechen, sondern einen „Migrationshintergrund“ haben, sind auf höheren Karrierestufen in weitaus geringerem Maße vertreten – so wie dies auch für Frauen, Homosexuelle, „Behinderte“ oder Transidente gilt. Hingegen sind Menschen „mit Migrationshintergrund“ häufiger erwerbslos, junge Menschen „mit Migrationshintergrund“ erreichen in einem Fünftel der Fälle nicht einmal einen Schulabschluss.

Diese ungleichen Möglichkeiten sind – nach Auswertung von GLADT, „Gays and Lesbians aus der Türkei“, einem der Kompetenzträger für interkulturelle, integrierende LesBiSchwule Konzepte in der Bundesrepublik Deutschland – nur zum Teil und nicht zum größten Teil auf Sprachbarrieren zurückzuführen. Stattdessen spielen hier Diskriminierungs- und Ausgrenzungserfahrungen eine Rolle, genauso wie rassistische Ausgrenzungen, die bewusst oder unbewusst in vielen Bereichen der Gesellschaft getätigt werden, bspw. in Bewerbungsgesprächen bei der Vergabe eines Ausbildungs- oder Erwerbsarbeitsplatzes, auf dem Wohnungsmarkt, im Freizeitbereich, aber auch in der Nachbarschaft.

Innerhalb einer „Mehrheitsgesellschaft“ sind Stereotype verbreitet, mit denen Menschen „mit Migrationshintergrund“ konfrontiert werden. Eines dieser Stereotype ist dasjenige des sexuell aktiven, allzeit bereiten männlichen Macho, der in der alltäglichen Lebenswelt wie im Sexualverhalten aktives, zugespitzt Machoverhalten an den Tag lege – und in den meisten Fällen auch homophob sei. Von gleichgeschlechtlich liebenden und begehrenden Männern „mit Migrationshintergrund“ wird ebenfalls dieses stereotype aktive Verhalten erwartet.

Ausgrenzung, Diskriminierung, Abwertung gehen in größerem Maße mit prekären Lebensbedingungen einher, als es in der „Mehrheitsgesellschaft“ der Fall ist. Kein Schulabschluss oder ein Hauptschulabschluss bedeutet oftmals das Aus auf dem Erwerbsarbeitsmarkt – Arbeitslosengeld II ist die Folge. Kurz hingewiesen sei, dass bis hierhin in den meisten Fällen von Deutschen die Rede, von Menschen „mit Migrationshintergrund“, die in der Bundesrepublik Deutschland geboren wurden, auch wenn die Optionsregelung im neuen Staatsangehörigkeitsrecht nur für einen kleinen Teil der hier geborenen automatisch eine deutsche Staatsangehörigkeit vorsieht. (Kein Flüchtlingskind, selbst wenn bereits die Eltern in der Bundesrepublik Deutschland geboren sind, erhält einen deutschen Pass.) Es sind Deutsche, nur dass sie ggf. Schwarz, muslimisch oder jüdisch sind.

Daneben befinden sich Flüchtlinge, ggf. illegal in Hannover lebende Menschen in einer noch zugespitzteren prekären Lebenssituation – sie müssen sich um das Essen und um Übernachtungsmöglichkeit sorgen, sie müssen sich verstecken, sind von Abschiebung bedroht – selbst wenn ihnen bspw. auf Grund gleichgeschlechtlichen Sexualverhaltens in ihrem Herkunftsland lange Haftstrafen, Folter, ggf. sogar der Tod droht.

Das „Coming-out“ für queere Jugendliche ist unter diesen prekären Umständen u.a. nicht nur mit dem Verlust der familiären Bindungen verbunden, sondern damit gleichzeitig auch mit dem Verlust einer sozialen Infrastruktur, die als Rückzugs- und Unterstützungsraum fungiert. Höhere Suizidraten unter queeren Jugendlichen wie auch die Überrepräsentanz von Lesben und Schwulen unter Obdachlosen – mit und ohne Migrationshintergrund – sind Resultate verschiedener sozialer Ausschlussmechanismen.

Aufgabe dieser Initiative ist es nicht, hierzu politisch Stellung zu beziehen, diese Lebensumstände zu bewerten. Diese Analyse ist notwendig, um Schlüsse zu ziehen, die für aufklärende bzw. sensibilisierende Arbeit bzgl. gleichgeschlechtlicher Liebe und Begehren relevant sind. Schlüsse sind:

  1. 40 Prozent Kinder und Jugendliche „mit Migrationshintergrund“ bedeutet, dass sie keine Minderheit in der Stadt Hannover darstellen, sondern dass sie eine große Gruppe darstellen, die bislang durch entsprechende Angebote nur unzureichend, fast gar nicht erreicht werden.
  2. Mit den beschriebenen prekären Lebensverhältnissen erklärt sich auch, warum sie durch bisherige Angebote nicht erreicht werden. Es liegt keinesfalls in erster Linie an fehlender Sprachkompetenz, sondern daran, dass derzeitige Hilfsangebote nur den Lebensverhältnissen weißer Jugendlicher „der Mehrheitsgesellschaft“ Rechnung tragen, denen ggf. wegen ihrer gleichgeschlechtlichen sexuellen Orientierung ein Problem gemacht wird. Hier gibt es Spezialangebote wie Jugendgruppen, Angebote für HIV-Infizierte, betreute Wohngemeinschaften, solche für von Sucht Betroffene, welche für Lesben und Schwule mit Kindern etc. Hingegen wird auf spezielle Problemlagen von Kindern und Jugendlichen „mit Migrationshintergrund“, die sich sexuell gleichgeschlechtlich orientieren, nicht eingegangen. Solche Problemlagen betreffen schlechtere Zugänge zu Arbeits- und Wohnungsmarkt, eine Unterrepräsentierung in Werbebroschüren und kulturellen Codes, sie zeigen sich in der Unterrepräsentierung in den Teams von Beratungsstellen (so dass diese mit spezifischen Problemlagen kaum vertraut sind) und nicht zuletzt betreffen sie Fragen des Aufenthalts und der Abschiebung, und damit verbunden Fragen des Gesundheitswesens und der Fürsorge. Hierauf müssen Angebote gemacht werden – so dass es mit einer „einfachen Übersetzung“ von Broschüren, die sich an Kinder und Jugendliche „der Mehrheitsgesellschaft“ richten, nicht getan ist. Es geht um konzeptionell neues Material, neue Angebote, das diesen spezifischen Problemlagen Rechnung trägt.
  3. Zentraler Hintergrund sind auch und gerade die prekarisierten Lebensbedingungen. Wo Menschen mit Ausgrenzung und Diskriminierung begegnet wird, wo sie in vielen Fällen von Arbeitslosengeld II oder Sozialgeld leben oder gar von Abschiebung bedroht sind, sind familiäre Strukturen – und im weiteren auch Community-Strukturen – bedeutsamer. Sie bieten den Rückzugsraum, der in der übrigen Gesellschaft nirgends gegeben ist. Dies ist problematisch, wenn ein Mensch auf Grund anderer Faktoren – wie gleichgeschlechtlichem Lieben und Begehren – hier nicht mehr so willkommen ist bzw. aus diesem Verband ausgestoßen wird. So ist weit mehr Kraft und Überwindung erforderlich, sich hier zu „Outen“. Hierauf zu antworten muss zweierlei bedeuten: eine akzeptierende Gesellschaft zu schaffen, die nicht nur weiß ist, sondern auch Schwarz, die nicht nur christlich ist, sondern auch jüdisch und muslimisch (oder jeweils atheistisch), die nicht nur andersgeschlechtliche Paargemeinschaften akzeptiert, sondern auch andere Lebensweisen.
  4. Gleichzeitig ist „Outen“ eine zu einfache Sicht, die dem Lebenshintergrund vieler Menschen nicht entspricht. Sie weist auf das Konzept hin, sich als „lesbisch“ oder „schwul“ zu „outen“, wenn man nicht passend auf das jeweils andere Geschlecht steht. Diese Sicht ist zu einfach – und die Aids-Hilfen tragen diesem in ihren Angeboten vermehrt Rechnung: Sie richten Angebote u.a. explizit an „MSM“ und „FSF“ – „Männer die Sex mit Männern haben“ und „Frauen die Sex mit Frauen haben“. Diese Ausrichtung der Präventionsarbeit kommt nicht von ungefähr. Vielmehr greifen die Aids-Hilfen auf, dass „homosexuell“ und „heterosexuell“ schlicht nicht den lesbensweltlichen Hintergrund vieler Menschen darstellt, dass sie mit ihren Angeboten an „Lesben“ und „Schwule“ viele Menschen nicht erreichten. Diesen lesbensweltlichen Konzepten, die gleichgeschlechtlichen Sex haben, ggf. so Lieben, die sich nicht in das erwartete Konzept von „Frau“ und „Mann“ einfügen wollen oder können, muss Rechnung getragen werden – auch in der Aufklärungsarbeit zu gleichgeschlechtlichem Lieben und Begehren in Hannover.

Wege, um interkulturelle Angebote nachhaltig zu entwickeln und bereitzustellen

Spezifische Angebote und spezifisches Material zu erarbeiten sehen wir als bedeutsame Aufgabe. Diese Arbeit ist von keiner der gesellschaftlichen Akteur_innen in Hannover allein zu bewältigen. Vielmehr geht es darum, sich zusammenzusetzen, gemeinsam genaue Überlegungen anzustellen und gemeinsam Konzepte zu entwickeln. Ziel muss es sein, ein Netzwerk zu schaffen, dass bzgl. gleichgeschlechtlichen, transidenten, queeren Lebensweisen unterschiedliche familiäre Hintergründe, unterschiedliche kulturelle Perspektiven, unterschiedliche Diskriminierungs- und Ausgrenzungserfahrungen berücksichtigt und es langfristig mehrfach Ausgegrenzten ermöglicht, in ihrem eigenen Namen zu sprechen. Rassistischen, homophoben und transphoben Diskriminierungen und Ausgrenzungen ist zu begegnen, es ist aber gleichzeitig Hilfestellung zu entwickeln, die es Menschen ermöglicht, mit ihren Erfahrungen von Diskriminierung und Ausgrenzung umzugehen und ein Leben zu leben, wie sie es jeweils selbst wollen.

Erste Schritte und Vorschläge für die Entwicklung interkultureller Angebote sind:

  1. Ansprechen möglicher Kooperationspartner_innen, Kennenlernen, Vernetzung, gemeinsame Analyse und Zieldefinition, Abstimmen konkreter Arbeitsschritte, entwickeln eines Zeitplans. Hierbei und bei allen weiteren Stufen des Projektes ist es unabdingbare Voraussetzung direkt Menschen „mit Migrationshintergrund und Interesse an emanzipativer LesBiSchwuler (gleichgeschlechtlicher) Jugendarbeit anzusprechen und einzubeziehen. Entsprechend sind entsprechende von Menschen mit Migrationshintergrund bereitgestellte und organisierte Beratungsstellen (nicht unbedingt mit Fokus LesBiSchwul, sondern auch Treffmöglichkeiten, Vereine und Initiativen, die Unterstützung bei Amtsgängen etc. organisieren oder solche die kulturelle Angebote bereitstellen etc.) erste und wichtige Kooperationspartner_innen.
  2. (Halböffentliche) Informationsveranstaltungen, um die zu betrachtenden relevanten Lebens- und Diskriminierungserfahrungsbereiche genauer zu beleuchten und bei der Erarbeitung von Material und Angeboten ausreichend berücksichtigen zu können. Zusätzlich Recherche nach bereits vorliegenden Materialien von in diesem Bereich tätigen Vereinen und Initiativen, bspw. von ILGA, GLADT und LesMigras.
  3. Phase der Erarbeitung von Materialien und Angeboten. Ausgehend von der Analyse werden nun konkrete Schritte entwickelt, wie und welche Angebote und Materialien entwickelt werden können und müssen. Hierbei werden sowohl gedruckte Broschüren und Veränderungen der Außendarstellung (Stichwort: kulturelle Codes) von Bedeutung sein, als auch, wie LesBiSchwule Beratungsstellen organisatorisch und inhaltlich umgestaltet werden können, um ihrer interkulturellen Aufgabe gerecht zu werden.
  4. Anfertigung und Druck von Materialien. Konzeption eines Zeitplanes mit konkreten Schritten zur organisatorischen und inhaltlichen Umgestaltung von Beratungsstellen.
  5. Das Netzwerk aus kooperierenden Vereinen und Initiativen sollte sich anschließend weiterhin regelmäßig treffen, um den Prozess zu beobachten und zu begleiten.

Zu wünschen und zu unterstützen ist, dass sich im Zusammenhang mit der Projektierung solcher Materialien und Aufgaben Netzwerke von Jugendlichen „mit Migrationshintergrund“, die gleichgeschlechtlich begehren oder lieben, trans* oder queer orientiert oder interessiert sind, bilden.

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