Hans Peter Hauschild (Hrsg.): Fluchtversuche. Das Leben des Miro Sabanovic zwischen Familienterror, Bahnhof Zoo und Ausländerbehörde.

rezensiert von Heinz-Jürgen Voß, für “Rosige Zeiten”, Nr. 119 (Nr. 119 als pdf-Datei, 8Mb)

Ein kleines bisschen Unrecht wird Miro Sabanovic schon wieder getan: Eine „Frechheit auf zwei Beinen“, wie es im Nachwort des Herausgebers Hans Peter Hauschild (mittlerweile verstorben) heißt, ist er gewiss nicht. Dies wird nach der Lektüre von Miros Tagebuchaufzeichnungen deutlich. Problematisch ist es, dass im ausführlichen Nachwort Kinderprostitution und die Hierarchie zwischen Freiern und Kindern bei dieser nicht problematisiert werden…

Miro Sabanovic hat eine unglaubliche ganz große Lebensgeschichte an Hand seiner Tagebuchaufzeichnungen zu erzählen, die ich nicht erlebt haben möchte. Kurz vorangestellt sei: die Geschichte ist lesenswert. Sie offenbart Gedanken eines Menschen, der in seinem Leben wahnsinnige Qualen über sich ergehen lässt, und dennoch ein kreischendes, aufbegehrendes, wütendes, freudiges, liebevolles Wesen hat. Er sorgt für Anstoß, stiehlt – auch weil er von seinen Eltern schon von früh an dazu genötigt wurde –, erleidet schwerste Verbrennungen, mutwillig verursacht von seinen Eltern, weil er weggelaufen war… oder er wird mit einer Kette gefesselt und so lange auf seinen Schädel eingeschlagen, bis Miro blutig und ohnmächtig ist… Im zerfallenden Jugoslawien wird er mehrfach von der Polizei festgenommen und schwer misshandelt, dann wieder zu den Eltern gelassen. Seit 1992 hat er Asyl in der Bundesrepublik Deutschland, er muss wieder stehlen, flieht, wird immer wieder gefunden, flieht in ein Heim, in dem er sich sicher glaubt… aber als eine Sozialarbeiterin bei einem seiner Wutanfälle droht, die Familie zu informieren, flieht Miro wieder. Miro macht mit Gefängnissen Bekanntschaft – wegen Diebstahls; sein Bruder der seine Frau erstochen hat, bekommt ein Jahr auf Bewährung. In der ersten Gefängnishaft ergänzt er seine bereits gute deutsche Aussprache auch durch die Kenntnis des Lesens und Schreibens – eine Sozialarbeiterin, die er zunächst nicht mag und dann liebgewinnt und die auch weiterhin zu Unterrichtsstunden zu ihm kommt und einfach zuhört, obgleich er aus ihrem Bereich verlegt wurde, hat daran großen Anteil. Über einige Polizist_innen in der BRD lacht Miro, weil sie ihn immer wieder freilassen und nett behandeln – andere treten und schlagen ihn brutal zusammen, auch in der BRD. Ab einem Alter von zwölf Jahren geht Miro anschaffen, in der schwulen Szene von Berlins Motzstraße. Er geht ins „Datscha“, „Pinocchio“, ins „Tabasco“ oder „Eldorado“, später lieber ins „Filou“, in dem er besser verdient und in dem er immer wieder hofft, auch Benn zu treffen, einen elfjährigen Freund, den er lieb gewonnen hat und der dort ebenfalls anschafft. Er verdient dort nicht schlecht, lernt nette Freier kennen, die gut bezahlen und ihm etwas Geborgenheit und Liebe geben. Einige halten länger zu ihm, ersetzen ihm den liebevollen Vater… Als er das erste Mal einen Freier hat, erschrickt er sich, über die länge des Schwanzes – und als etwas weißes herausspritzt, dass er an sich noch nie so erlebt hat. Das erste Mal gefickt werden, mit Rolf, empfindet Miro als sehr angenehm – dabei bekommt er auch einen Ständer… Miro kommt auf Dope, auf Heroin, kommt mehrfach davon los und wird dann wieder rückfällig, er heult, mag sehr gern seinen kleinen Bruder – für den er auch sein Leben geben würde, wie er schreibt –, liebt Robert – der viel für ihn tut, und Miros Ungerechtigkeiten aushält und wohl auch Heute noch für Miro da ist, wo ihre Liebe an all den Zumutungen zerbrochen ist und Miro Sabanovic nach Bosnien abgeschoben wurde…

Ungerechtigkeit widerfährt Miro schon wieder. Im Vergleich zu denjenigen Ungerechtigkeiten und Qualen, Gewissensbissen, Lieben, Gefühlen, die er in seinem Tagebuch nachdrücklich und weit reflektierend beschreibt, sind es nur ganz kleine Ungerechtigkeiten. Sie entstehen durch die Leichtfertigkeit, mit der das Nachwort über Miro resümiert, und in dieser Rezension auch nur ganz kurz über ihn geschrieben werden kann. Das Nachwort setzt gleich, würdigt zu wenig die unterschiedlichen Zeiten und Szenen, in denen Miro sich bewegt. Neben den Miro, an dessen Leid mensch Anteil nimmt, tritt der Miro, der rücksichtslos zu anderen Menschen ist, der stiehlt und auch lieben Menschen in seiner Umgebung mit Worten – meist mit Worten, aber auch mit Schlägen – sehr wehtun kann. Als ob Miro das nicht selbst geschrieben hätte, als ob er sich nicht entschuldigt hätte, als ob ihm all das nicht Leid täte…

Ungerechtigkeit widerfährt Miro, weil es schon als großherzige Wohltat unhinterfragt bleibt, dass Schwule Sex mit zwölf- oder elfjährigen Kindern gegen Geld haben. Ja, Miro findet und beschreibt hier Liebe, Zuneigung, Umarmungen, die er nicht hatte und die er dringend brauchte. Ja, auch so einige seiner Freier helfen ihm weiter, lassen ihn über Monate bei sich wohnen. Ja, auch empfindet er es als besser, anschaffen zu gehen, als für seine Eltern und Familie stehlen zu müssen, und dass nicht erst seitdem er eine Bewährungsstrafe hat und erwischt zu werden für ihn bedeutet, wieder in das Gefängnis zu müssen. Gleichfalls nimmt er erhebliche Gefahren von Seiten seiner Familie auf sich, weil er wegrennt und anschaffen geht, oder anschaffen geht um nicht stehlen zu müssen und das Geld dann abends den Eltern bringt. Dafür wurde ihm Hintern und Rücken von dem Vater auch mit Brandbeschleuniger übergossen und angezündet…

Die schwulen Freier, die in Miros Beschreibungen oft gut wegkommen, werden auch im Nachwort all zu gut gewürdigt, ganz im Gegensatz zu Miro, bei dem Opferschaft und Täterschaft gleichermaßen skandalisiert werden. Könnten nicht die schwulen Freier auch viel besser helfen, wenn sie sich für eine tolerante, offene Gesellschaft stark machten, in der nicht Duldung und Abschiebung droht, sondern Flüchtlingen, Asylbewerber_innen ein Aufenthalt mit Perspektive angeboten wird? Profitieren nicht auch schwule Freier von der Zwangssituation von Miro Sabanovic, von dem sie sich den allzu ersehnten Sex, auch mit jemanden der noch nicht abspritzt, suchen können – und das alles, weil sie selbst einen gesicherten Aufenthalt haben, eine gesicherte Existenz haben, weil sie gut verdienen, und vermutlich auch ein behütetes Elternhaus hatten, selbst und ohne Geldsorgen auf Suche nach ersten sexuellen Erfahrungen gehen konnten? Warum halfen diese Freier Miro nicht einfach, ganz ohne Gegenleistung, sondern wollten mit ihm Sex? – Ausnahmen gibt es gewiss und auch dies wird in Miros Aufzeichnungen verschiedentlich deutlich. …

Wenn schon ein Nachwort, dann dürfen diese Fragen nicht fehlen.*

Miros Tagebuchaufzeichnungen – erstmals erschienen 2002 –** sind lesenswert, verständlich, nehmen mit, rühren an. Sie bieten uns an, sich ein Bild von einem Menschen selbst zeichnen zu lassen, der in der BRD nur geduldet ist, geduldet war. Und sie stellen an uns die Frage, warum wir Menschen, wie Miro Sabanovic, nicht willkommen heißen – zum Beispiel so: „Save me – Eine Stadt sagt JA“.***

Und nun ab, zum Buchladen oder zur Bibliothek…

Hans Peter Hauschild (Hrsg.)
Fluchtversuche. Das Leben des Miro Sabanovic zwischen Familienterror, Bahnhof Zoo und Ausländerbehörde.
Männerschwarm Verlag, Hamburg, 2008
ISBN: 987-3-939542-32-2
Preis: 12 Euro
* An den Autor des Nachwortes, der auch die Tagebuchaufzeichnungen Miro Sabanovics überarbeitet hat, kann mensch diesen Hinweis nicht mehr richten – Hans Peter Hauschild ist 2003 verstorben.

** Die Geschichte Miro Sabanovics erschien bereits 2002 (ISBN 3-935596-12-X; alternativ: 9783935596121), sie war 2003 bereits vergriffen (die Auskunft erhielt ich übereinstimmend von verschiedenen Seiten), findet sich aber Heute kaum im antiken Buchhandel und nur in ganz wenigen Bibliotheken (nur in vier Bibliotheken, die in den verschiedenen Bibliotheksverbünden organisiert sind, darunter drei Pflichtexemplare: Hamburg, Leipzig, Frankfurt/Main). Rezensionen zu dieser Auflage erschienen nach Auskunft des Verlages 2002/2003 in: AK Schweiz (Schweizer Magazin für den schwulen Mann), Nürnberger Schwulenpost, Siegessäule und Queer. (Sofern sie auf die Schnelle zugänglich waren, verblieben diese Rezensionen bei einer Inhaltsangabe und waren sie gegenüber den Freiern unkritisch.) Vermutlich wird 2002 kaum jemand Miro Sabanovics interessante Geschichte gelesen haben, vielleicht auch weil einigen Lokalen im Umfeld der Motzstraße – die Miro Sabanovic klar benannte – daran gelegen gewesen sein könnte, dass nicht zu viele Exemplare in Umlauf gelangen und sie somit nicht in den Verdacht geraten würden, Kinderprostitution zu dulden oder zu befördern? Polizeiliche Ermittlungen wegen Kinderprostitution, gegen Freier und ggf. Zuhälter, scheinen sich 2002/2003 nicht angeschlossen zu haben. Seit Frühjahr diesen Jahres ist in Berlin diesbezüglich aber einiges in Bewegung geraten, so sind bspw. „Kinderkarsten“ – von dem Miro Sabanovic beschreibt, dass „er besonders junge Jungs mochte“ (S.66f; es scheint sich um den gleichen zu handeln, wie in den aktuellen Zeitungsberichten des Jahres 2008) –, viele Weitere und nachfolgend auch ein Polizeikommissar wegen Verdachts auf Menschenhandel und Missbrauch verhaftet wurden.
Unabhängig davon ist dem Verlag für sein Engagement zu danken, zunächst 2002 das Buch mit Miro Sabanovics vielen krassen Erfahrungen herausgebracht zu haben und nun wieder neu aufzulegen! Der Verlag schrieb in einer Antwort-E-Mail auch, dass Miro Sabanovic über eine Fortsetzung – unter eigenem Namen, Miro Sabanovic ist ein Pseudonym – nachdenke, zu wünschen wäre sie!

*** Für Flüchtlingspolitik mit Angebot von Perspektiven im Ankunftsland – „Save me – Eine Stadt sagt JA“: http://www.save-me-kampagne.de (Stand: 21.10.2008). Vgl. zur bisherigen skandalösen Flüchtlingspolitik der Bundesrepublik Deutschland: Pieper, T. (2008): Die Gegenwart der Lager – Zur Mikrophysik der Herrschaft in der deutschen Flüchtlingspolitik. Westfälisches Dampfboot, Münster.

 

geschrieben von Heinz-Jürgen Voß

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