Tag Archiv für schwule

Hessischer Landtag entschuldigt sich für die Verfolgung homosexueller Menschen

Als erster Landtag hat sich der Hessische Landtag für die Verfolgung homosexueller Menschen entschuldigt, mit Bezug zur Bundesrepublik Deutschland. In der BRD wurde der § 175 erst 1994 vollständig abgeschafft. Der Landtag stimmte einstimmig für den Antrag, im folgenden Wortlaut:

„1. Der Hessische Landtag bedauert, dass der § 175 StGB in seiner nationalsozialistischen Fassung bis 1969 unverändert in Kraft blieb. Er ist in diesem Zusammenhang davon überzeugt, dass die Ehre der homosexuellen Opfer wiederhergestellt werden muss.

2. Der Hessische Landtag entschuldigt sich für die strafrechtliche Verfolgung homosexueller Bürger, die hierdurch in ihrer Menschenwürde, in ihren Entfaltungsmöglichkeiten und in ihrer Lebensqualität empfindlich beeinträchtigt wurden.

3. Der Hessische Landtag begrüßt in diesem Zusammenhang alle Initiativen, die die historische Aufarbeitung der strafrechtlichen Verfolgung homosexueller Menschen und des späteren Umgangs mit den Opfern zum Gegenstand haben.“

Im Bundesrat läuft eine Initiative zur Verurteilung der Verfolgung Homosexueller in Deutschland. Dieser hat sich nun auch der Landtag des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen angeschlossen. Für eine bundesweite Rehabilitierung der Opfer läuft aktuell auch eine vom Rosa Archiv Leipzig initiierte Petition.

Alles Familie! Regenbogenfamilien anschaulich für Ratsuchende und zur Aufklärung

(rezensiert von Heinz-Jürgen Voß, zuerst in „Rosige Zeiten“, Nr. 136 – vielen Dank an die Redaktion für die Einwilligung in die Zweitveröffentlichung!)

 

„Regenbogenfamilien“ sind in aller Munde. Vielfach wurde mittlerweile belegt, dass sich Kinder auch bei lesbischen und schwulen Eltern wohl und geborgen fühlen. Dass „ein Geschlecht nicht da ist“, stört da nicht. Es fehlt nicht und taucht ja auch im übrigen sozialen Umfeld zur Genüge auf. Kinder bekommen das bereits früh mit und wissen durchaus als Kleinkinder selbstbewusst von Mama und Mami zu berichten – oder von Papa und Papi. Dennoch – gerade in der Schule – können auch Diskriminierungen auftreten und da gilt es als Eltern gewappnet zu sein, indem ein offener Umgang mit dem Kind gepflegt wird und das Kind sich der Unterstützung der Eltern sicher sein kann. Dennoch ist bei Lesben und Schwulen vielfach Unsicherheit vorhanden, ob und wie denn ein Kinderwunsch möglich werden könnte, wie das Umfeld reagiert und ob es gut für das Kind wäre. Nicht zuletzt sind rechtliche Fragen zu klären.

Bei all diesen Fragen helfen nun Bücher ganz konkret weiter – und einige sollen hier in aller Kürze vorgestellt werden. Ein Buch sei vorangestellt, dass für alle großen und kleinen Leute zu empfehlen ist: „Alles Familie!“, von Alexandra Maxeiner und Anke Kuhl, erschienen bei Klett Kinderbuch. „Alles Familie!“ macht anschaulich, was alles Familie sein kann. Bildlich aufgearbeitet in wunderschönen Karikaturen, kindgerecht erklärt – und damit auch für Erwachsene gut verständlich – wird erläutert, wie verschieden Menschen zusammenleben. Selbst „Patchworkfamilien“ werden – als „Flickwerk“ zusammengenähter Stoffteile – in Text und Abbildungen so erläutert, dass es nun auch das letzte konservative Familienmitglied verstehen sollte. Auch die Situation von Carla und Moritz wird unter die Lupe genommen: „Die beiden leben eine Woche bei zwei Mamas und die nächste bei zwei Papas. Die Mamas von Moritz und Carla sind Sabine und Tina. Beide sind lesbisch. Sie verlieben sich in Frauen statt in Männer.“ Ein kleiner Sprachkurs ist inklusive – gar nicht alle Kinder sagen Mama, Mami, Papa oder Papi zu ihren Eltern, sondern das ist von Sprache zu Sprache ganz unterschiedlich. Und selbst die in der deutschen Sprache so abgestraften „Stiefeltern“, mit denen hierzulande so oft Böshaftigkeit wie in dem Märchen „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ verbunden wurde, kommen in anderen Sprachen viel freundlicher weg: „belle mère – In Frankreich sagt man zur Stiefmutter schöne Mutter und zum Stiefvater schöner Vater. In Schweden nennt man unechte Elternteile, die man neu bekommen hat, Plastikmama und Plastikpapa.“ Hinterlegt jeweils mit dazu gehörigen Abbildungen – für das letztgenannte Beispiel Plastikfiguren, von denen gerade eine aufgeblasen wird – wird für groß und klein das bunte Familienleben deutlich. Geeignet als Geschenk für Verwandte und Bekannte und für Kinder in allen Familienmodellen, ab etwa 7 Jahre. Weiterlesen

Wenn der Prinz den Prinzen küsst: Kinderbücher zu Regenbogenfamilien

(rezensiert von Heinz-Jürgen Voß, zuerst in „Rosige Zeiten“, Nr. 136 – vielen Dank an die Redaktion für die Einwilligung in die Zweitveröffentlichung!)

 

Immer küsst der Prinz die Prinzessin. Wie soll so Akzeptanz zu unterschiedlichen Lebensweisen von Menschen, zu Regenbogeneltern und Regenbogenkindern aufkommen? Es fehlen alternative kulturelle Codes, in denen Kinder schon ganz früh ganz vielfältige Möglichkeiten haben, sich selbst zu sehen – und nebenbei auch damit vertraut werden, dass es eben auch Lesben und Schwule gibt und dass einige Kinder – vielleicht sie selbst – lesbische Eltern haben oder schwule …oder aber irgendwie ganz anders leben und in ihrer Familie glücklich sind. Ganz fehlen diese Codes indes mittlerweile nicht mehr, weil aktuell Kinderbücher erscheinen, in denen der Prinz eben auch den Prinzen küsst, ein Junge auch mit Puppen spielt und „Irgendwie Anders“ keinen einzigen Freund hat, bis „eines Tages ein seltsames Etwas vor seiner Tür stand. Das sah ganz anders aus als Irgendwie Anders, aber es behauptete, genau wie er zu sein…“ Im Folgenden werden einige der Bücher vorgestellt, die sich übrigens auch für große Kinder eignen, die einfach mal wieder eine schöne Geschichte lesen wollen, in der sie sich vielleicht auch irgendwo selbst sehen 🙂

„Irgendwie Anders“, von Kathryn Cave und Chris Riddell, ist bereits 1994 erschienen und liegt in einer großformatigen Fassung vor. 1995 und 1997 mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet, u.a. dem „UNESCO-Preis für Kinder- und Jugendliteratur“ ist es ein sehr schönes Buch, dass über großformatige Abbildungen und kurze Bildunterschriften den Alltag von „Irgendwie Anders“ beschreibt, einem kleinen blauen Wollknäuel, das lächelt, Bilder malt, Mittagessen in einer Papiertüte transportiert… Aber es malt nicht so, wie die anderen, spricht anders, isst andere Dinge – so dass die anderen Tiere es nicht haben wollten. Irgendwie Anders geht traurig nach Hause. Aber da klopft es an der Tür – und davor stand das Etwas. Zunächst überrascht, weiß Irgendwie Anders mit ihm nichts anzufangen und ist abweisend – und das Etwas geht hängenden Kopfes davon. Es ist noch nicht weit, da fällt es Irgendwie Anders wie Schuppen von den Augen. Schnell rennt es dem Etwas nach: „Als er das Etwas eingeholt hatte, griff er nach seiner Pfote und hielt sie ganz, ganz fest. ‚Du bist nicht wie ich, aber das ist mir egal. Wenn du Lust hast, kannst du bei mir bleiben.‘ Und das Etwas hatte Lust.“ Sie waren verschieden, aber vertrugen sich – und wenn jemand an die Tür klopfte, rückten sie einfach ein bisschen zusammen. Besser kann ein Kinderbuch nicht gemacht sein. Es bietet gefühlvoll einen Zugang zu Anderssein, auf Grund der liebevoll dargestellten Figuren gibt es Kindern die Gelegenheit, sich mit diesen zu identifizieren – und so auch Halt zu finden, wenn im Kindergarten oder in der Schule mal wieder „alle blöd waren“, aus welchen Gründen auch immer. Ergänzend zum Buch gibt es: „Irgendwie Anders – Bilderbuchtipps“ und online gibt es Anregungen, wie das Buch gut als Material in der Grundschule verwendet werden kann ( http://www.agprim.uni-siegen.de/GS_SOS_WS0506/ureiheirgendwie.pdf ). Geeignet ab etwa 4 Jahre. Weiterlesen

Wenn Schwule Frauen hassen: Die Debatte um den Münchner „Christina Street Day“

(Von Heinz-Jürgen Voß; zuerst erschienen in „Rosige Zeiten“, Nr.133 (Mai / Juni 2011)

Es braucht schon einiges an Durchhaltewillen, wenn man die Kommentare, die sich im Anschluss an die Münchner Ankündigung, den dortigen CSD in diesem Jahr als „Christina Street Day“ zu feiern, in Foren ertragen will.
Bereits am 26.2. berichtete Queer.de ausführlich über die in München geplante einmalige Umbenennung. Damit wollen die dortigen CSD-Veranstalter darauf aufmerksam machen, dass Lesben bislang viel zu wenig in der öffentlichen Berichterstattung über den CSD vertreten sind. Das Münchner CSD-Team will so „mit der Umbenennung in Christina Street Day Irritation, Aufmerksamkeit und Diskussion schaffen.“ (1) Und genau das haben sie auch erreicht und nicht zuletzt, den Münchner CSD, der sonst eher in der zweiten Reihe hinter den CSDs in Berlin und Köln wahrgenommen wird, in den Blickpunkt lesbischen, und noch mehr schwulen Interesses, gerückt.
Ein kurzer Rückblick: Am 28. Juni 1969, am Tag der Beisetzung von Judy Garland, versammeln sich Schwule, Lesben, Bisexuelle, Stricher, Dragqueens im „Stonewall Inn“ in der New Yorker Christopher Street 53. Sie wollen der Diva gedenken. Oft waren Razzien der brutalen Polizei an der Tagesordnung gewesen – Alkoholausschank an Homosexuelle war verboten, gleichgeschlechtliche Paare durften nicht miteinander tanzen, jeder musste mindestens drei Kleidungsstücke entsprechend seinem biologischen Geschlecht tragen. Widerstand gab es nicht – aber an diesem Abend doch. Dass nun selbst das trauernde Gedenken an die Ikone gestört wird und Polizisten wieder brutal knüppeln, führt zu einer gemeinsamen Gegenwehr, zum „Aufstand der Perversen“. Die Gegenwehr ist so stark, dass sich die Polizisten im Stonewall Inn verschanzen müssen und auch ein herangerufenes Sonderkommando die Lage nicht in den Griff bekommt. Aus umliegenden Bars und Kneipen eilen Menschen heran, um den Kampf gegen die Polizei zu unterstützen. Am nächsten Tag, nach einer neuerlichen Razzia, flammt der Kampf erneut auf – und endet erst nach mehreren Tagen, als der Chef der New Yorker Polizei die Polizei-Razzien untersagt. An diesen „Aufstand der Perversen“ wird mit den alljährlich stattfindenden Christopher Street Days in vielen Städten weltweit erinnert. Weiterlesen