Tag Archiv für antikapitalismus

Buch NEU erschienen: “Queer und (Anti-)Kapitalismus”

voss_wolter_queer_anti_kapitalismusDas Buch “Queer und (Anti-) Kapitalismus” ist nun erschienen und kann ab sofort beim Verlag bestellt und bei jeder Buchhandlung bezogen werden!

Voß, Heinz-Jürgen / Wolter, Salih Alexander:
Queer und (Anti-)Kapitalismus
Schmetterling-Verlag
1. Auflage 2013 / 160 Seiten / 12,80 EUR
ISBN 3-89657-061-7

Klappentext:
Die ‹Erfolgsgeschichte› der bürgerlichen Homo-Emanzipation in den westlichen Industriestaaten während der letzten Jahrzehnte fällt mit der neoliberalen Transformation der Weltwirtschaft zusammen. Während vor allem weiße schwule Männer Freiheitsgewinne verbuchen, kommt es zu einem entsolidarisierenden Umbau der Gesellschaft, verbunden mit zunehmend rassistischen Politiken im Innern; zugleich dient der «Einsatz für Frauen- und Homorechte» als Begründung für militärische Interventionen im globalen Süden. Dabei waren es schon 1969 in der New Yorker Christopher Street «[S]chwarze und Drag Queens/Transgender of colour aus der Arbeiterklasse», die den Widerstand gegen heteronormative Ausgrenzung und Gewalt trugen und «sich in Abgrenzung zu weißen Mittelklasse-Schwulen und [-]Lesben ‹queer› nannten, lange bevor deren akademische Nachfahren sich diese Identität aneigneten» (Jin Haritaworn). Doch auch hierzulande sind es die queer People of Color, die aktivistisch wie theoretisch gesamtgesellschaftliche Perspektiven jenseits des gängigen Homonationalismus entwickeln.
Im Band betrachten wir die aktuell viel diskutierten Ansätze einer ‹queer-feministischen Ökonomiekritik› vor dem Hintergrund queerer Bewegungsgeschichte. Wir zeigen mögliche Verbindungen zum ‹westlichen Marxismus› Antonio Gramscis, zum postkolonialen Feminismus Gayatri Chakravorty Spivaks, zu den «Eine-Welt›»Konzepten von Immanuel Wallerstein und Samir Amin auf. Wegweisend ist für uns ein intersektionales Verständnis, wie es Schwarze Frauen und queere Migrant_innen in der Bundesrepublik bereits seit den 1980er Jahren erarbeitet haben. Uns interessiert in diesem Band, wie Geschlecht und Sexualität – stets verwoben mit Rassismus – im Kapitalismus bedeutsam sind, sogar dort erst aufkommen oder funktional werden. Theoretisch, historisch und immer mit Blick auf Praxis untersuchen wir die Veränderungen der Geschlechter- und sexuellen Verhältnisse der Menschen unter zeitlich konkreten kapitalistischen Bedingungen. Wem nützen die geschlechtlichen und sexuellen Zurichtungen der Menschen im Kapitalismus, und was lässt sich aus den historischen und aktuellen Kämpfen für queere Kapitalismuskritik lernen?

::: Heraus zum Transgenialen CSD am 23. Juni 2012 in Berlin :::

Der CSD ist ein weltweiter Gedenk-, Fest- und Demonstrationstag von und für schwule, lesbische, bi-, trans-, und intersexuelle Menschen sowie andere ausgegrenzte sexuelle Identitäten. Der Berliner Transgeniale CSD (TCSD) ist eine seit 1998 jährlich Ende Juni stattfindende Demonstration, die sich als politische Alternative zum kommerziellen Christopher Street Day versteht, der meist parallel stattfindet. Der TCSD richtet sich gegen die Diskriminierung und Ausgrenzung von Schwulen, Lesben, Bisexuellen, Transgendern und intergeschlechtlichen Menschen. Zugleich greift der TCSD das Prinzip der Heteronormativität – ein unhinterfragtes, ausschließlich zweiteiliges Geschlechtssystem – an, das in allen Teilen der Gesellschaft verbreitet ist und soziale, emotionale und kulturelle Standards hervorbringt, die Ausgrenzung bewirken. Immer thematisiert der TCSD aktuelle politische Entwicklungen. Der TCSD positioniert sich klar gegen Rassismus, Neonazismus, Gentrifizierung, staatliche Abschiebungen, prekäre Arbeitsbedingungen und soziale Ausgrenzung.

Benannt ist der CSD nach der ersten bekannt gewordene Gegenwehr in großem Umfang von Homosexuellen und anderen sexuellen Minderheiten in der New Yorker Christopher Street im Stadtviertel Greenwich Village. In den frühen Morgenstunden des 28. Juni 1969 fand in der Bar „Stonewall Inn“ der sogenannte Stonewall-Aufstand statt. Es kam in der Folge zu tagelangen Straßenschlachten zwischen Schwulen und Lesben sowie der Polizei. Zum Gedenken an diese Ereignisse, aber auch, um für gesellschaftliche Veränderungen und gegen Diskriminierung zu protestieren, erfolgen seither jährlich weltweit Demonstrationen. Der TCSD sieht sich in dieser politischen Tradition. Anpassung, Kommerzialisierung, (Homo)nationalismus und Pathologisierung von trans- und intergeschlechtlichen Menschen sind nach wie vor Grund genug für Widerstand und den Versuch, Gegenmacht zu entfalten angesichts institutioneller und alltäglicher Diskriminierung, Ausgrenzung und Gewalt hier und weltweit.

Doch gerade hier in Deutschland, wo die rigide Bekämpfung von Homosexualität während des Nationalsozialismus ihre tiefen Spuren hinterlassen hat, wo Homophobie und die Ausgrenzung von Minderheiten allgemein eine lange Tradition haben und auch die politische Linke nicht „frei“ davon ist, wo sich nicht zuletzt auch Minderheiten oft gegeneinander ausspielen lassen, ist es notwendig, solidarisch für eine grundlegende gesellschaftliche Veränderung einzutreten. Die Gesellschaft verändern und nicht in ihr „ankommen“! Für eine antikapitalistische Perspektive!

::: Transgenialer CSD ::: 23.06.2012 ::: 13 Uhr, Elsenstraße/Am Treptower Park (vorm Treptower Park Center) ::: 18 Uhr: Abschlusskundgebung am Heinrichplatz: Bühne mit Redebeiträgen, Performances, Musik und Infoständen :::

 

Mehr Infos auf der Internetpräsenz des TCSD: https://transgenialercsd.wordpress.com/

AG Schwule in der Antifaschistischen Revolutionären Aktion Berlin [SCHWARAB!] www.arab.antifa.de

 

(Der Text entspricht der Mitteilung der Initiative gegen Rechts)

Judith Butlers Ansätze und queer Theorie weiterentwickeln!

Ich möchte sehr gern auf eine aktuelle sehr gute Kritik an der Philosophie Judith Butlers hinweisen – geschrieben von Magnus Klaue und erschienen in „Konkret“. Die Kritik richtet sich darauf, dass Menschen sich eben nicht einfach eine Identität an Hand vorgegebener Zeichen zusammenstellen. Vielmehr sind Menschen ganz konkreten Erfahrungen, ganz konkreter Gewalt ausgeliefert – verbunden mit Verletzungen. Das gilt auch bezogen auf Geschlecht. Und das sollte bei einer Weiterentwicklung von Queer-Theorien zentral bedacht werden! Hier kann und muss queer lernen – von feministischen, marxistischen Thorien (ein paar Anregungen gebe ich in „Geschlecht: Wider die Natürlichkeit“) und eben auch von Kritischer Theorie Adornos. Im Folgenden eine kurze Passage aus der Rezension / Kritik von Magnus Klaue:

„Indem Butler die in der neueren Psychoanalyse und im Poststrukturalismus gängige Illusion übernimmt, das Subjekt forme sich, indem es eine »Geschichte« von sich erzähle, »Identität« also narrativ erzeuge, verfehlt sie die Herausforderung, die Adornos Moralphilosophie als Versuch einer Ethik nach Auschwitz darstellt. Die Nazis haben ihre Opfer nicht »adressiert«, sondern massenhaft ermordet, und die Sorge um die »narrative Struktur« der eigenen »Ich-Erzählung« würde angesichts der NS-Mordmaschinerie zynisch erscheinen. Die Kategorie des Menschseins selbst ist in den Konzentrationslagern liquidiert worden, und es gehört ein großes Maß historischer Ignoranz dazu, wenn Butler Adornos Moralphilosophie als Versuch liest, zu bestimmen, was »menschlich sein« bedeute, ohne zu reflektieren, daß gerade die Erfahrung universaler und irreversibler Entmenschlichung Movens von Adornos Denken war. So richtig Butlers Einsicht ist, daß die Reduktion ethischer Maximen auf bloße »Selbsterhaltung« und die Verwandlung menschlicher Bedürfnisse in kodifizierte »Rechtsansprüche« von Adorno als Zeichen jener Entmenschlichung abgelehnt würden – die Behauptung, »unsere Chance, menschlich zu werden« liege darin, »wie wir auf Verletzungen reagieren«, bleibt erschreckend hilflos. »Verletzungen« – dies hat schon die Auseinandersetzung mit Rassismus und Sexismus in Haß spricht gezeigt – scheinen in Butlers Welt ohnehin vorwiegend als symbolische Verletzungen zu existieren, die sich sprachpragmatisch analysieren lassen. Daß Verletzungen auch körperlich sein können, daß der Prüfstein einer der Gegenwart angemessenen Ethik die Degradierung menschlicher Körper zu »Abfall« und »Rohstoff« sein müßte, kommt einer Philosophie nicht in den Sinn, die den menschlichen Körper nur als Fläche diskursiver »Einschreibungen« und als Objekt subversiver ästhetischer Inszenierungen kennt.

Der gesamte Text von Magnus Klaue findet sich hier.

(PS: Ganz nebenbei wird der Begriff „Anrufung“ nach Louis Althusser in der Rezension endlich einmal richtig verwendet – und nicht so falsch (und oberflächlich) wie in so einigen aktuellen Arbeiten! – Also auch deshalb lesen!)

Marx hören und verstehen – eine Gesellschaft für alle Menschen gestalten!

Die aktuelle Krise führt brutal vor Augen, dass es notwendig ist, eine Gesellschaft zu entwickeln, die allen Menschen gerecht wird – und in der nicht die vielen Menschen für die Privilegien einiger Weniger arbeiten müssen.

Aktuell ist es tatsächlich möglich, dass auf Nahrungsmittel gewettet wird – anstatt, dass sie gegessen werden können. Das Wetten führt dazu, dass die Lebensmittel für viele Menschen unerschwinglich werden. Die Verarmung der Menschen und sich daran anschließende Unruhen könnten zu ganz krassen Reaktionen der Privilegierten führen – zu einem Abbau demokratischer Bestimmung, zu noch gewalttätigeren Einsätzen der Polizei (oder gar der Armee), als wir sie bisher kennen. Solche Entwicklungen zeigen sich in Europa bereits deutlich. In der Bundesrepublik Deutschland wird von Seiten der Behörden das demokratische Grundrecht, dass sich Menschen versammeln und demonstrieren können, massiv eingeschränkt. Und dabei steht eben nicht im Grundgesetz, dass sich die Menschen versammeln dürfen, wenn staatliche Behörden nichts dagegen haben.

Eine andere gesellschaftliche Entwicklung ist möglich – und nach neueren Umfragen zeigen sich knapp 80 Prozent der Menschen in der Bundesrepublik Deutschland mit Kapitalismus unzufrieden. Und Alternativen sollte man aus Erfahrungen lernen und Ansätze weiterentwickeln – hierfür bieten einerseits die Entwicklungen in Südamerika aktuelle praktische Ansatzpunkte. Andererseits lohnt es sich, anknüpfend an die Theorien von Karl Marx weiterzuarbeiten. Hierfür gibt es einiges neues und gutes Material:

1) Die Broschüre „Polylux Marx“ für die Bildungsarbeit.Sie ist hier im Volltext online: http://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/sonst_publikationen/PolyluxMarx.pdf

 

2) Online finden sich mittlerweile viele gute Vorträge – auch zum Nachhören. Eine gute Sammlung hat die Rosa-Luxemburg-Stiftung hier angelegt:

 

3) Schließlich gibt es auch einige gute Anschlussmöglichkeiten explizit zu Geschlecht und Sexualität. Hier findet sich eine Übersicht von Texten bzw. ein Vorschlag, wie man sich in die Debatte hineinlesen – und dann selbst weiterdenken und praktisch handeln kann: http://schwule-seite.de/wp/queer-kapitalismuskritik-vorschlag-zur-annaherung-an-die-debatte/ .

Queer & Kapitalismuskritik – Vorschlag zur Annäherung an die Debatte

Zur unbedingt notwendigen Verbindung von Queer & Kapitalismuskritik ist eine breitere Debatte in Gang gekommen, die es lohnt, zu verfolgen und fortzusetzen. Es erscheint mir wichtig, nicht einfach die „Wertabspaltungstheorie“ von Roswitha Scholz zur Kenntnis zu nehmen und sie dann stetig zu wiederholen, sondern damit weiterzuarbeiten! Interessant sind hierzu einerseits Überlegungen, warum es niemals im Sinne kapitalistischer Produktionsweise (kapitalistischer gesellschaftlicher Verhältnisse) war, alle Frauen aus der Erwerbsarbeit auszuschließen (vgl. Punkt [4] im Folgenden), sondern auch die aktuellen neoliberalen Verhältnisse zu reflektieren, diese zu verstehen und praktisches Handeln abzuleiten (hierzu [4] und [5] im Folgenden). Die Antworten werden intersektional sein müssen – warum wird bei der Lektüre von [6] deutlich. Nun die entstandene Diskussion:

1) Dieser Beitrag löste die Debatten aus: „Diverser leben, arbeiten und Widerstand leisten – Queerende Perspektiven auf ökonomische Praxen der Transformation“ (Kathrin Ganz, Do. Gerbig)

2) Es erschien darauf hin diese Kritik: „Queerfeministische Ökonomiekritik? Eine Randnotiz zum Ende des Kapitalismus“ (Salih Alexander Wolter)

3) Hier wurde diese Kritik noch einmal unterlegt: „Weg mit dem Queer-Ding! Ansätze für eine queere Kapitalismuskritik“ (Heinz-Jürgen Voß)

4) Es gilt sehr grundsätzlich die Verwobenheit von Geschlecht und Kapitalismus zu verstehen – unter anderem warum Kapitalismus stets auch auf Frauenarbeit zielte und warum die Differenzierung in zwei Geschlechter so gut nutzbar ist: Geschlecht und kapitalistische Produktionsweise – Queer und Antikapitalismus: Skizzen für neue Perspektiven (Heinz-Jürgen Voß)

5) Einige weitere wichtige Überlegungen, wie wir weiterdenken und eine Praxis entwickeln können, finden sich hier: a) In diesen Arbeiten von Volkmar Sigusch (u.a. „Die Mystifikation des Sexuellen“). b) In diesem zentralen Aufsatz von Nancy Peter Wagenknecht („Formverhältnisse des Sexuellen“). c) In dem von Heike Friauf hrsg. Band „Eros und Politik“, dort u.a. der Beitrag von Leo Kofler „Eros, Ästhetik, Politik – Thesen zum Menschenbild bei Marx“.

6) Das Buch „Queer und (Anti-)Kapitalismus“ (von Heinz-Jürgen Voß / Salih Alexander Wolter; Stuttgart 2013: Schmetterling Verlag)

7) Perihan Mağdens Roman „Ali und Ramazan“ macht sehr gut literarisch klar, dass und wie ökonomische und sexuelle Fragen in Verbindung stehen (also: „Intersektionalität“!). Die Autorin stellt ihrem Buch ein Zitat voran: „Leute, die über Revolution reden, oder über Klassenkampf, ohne sich dabei explizit auf das alltägliche Leben zu beziehen, die nicht verstehen, was subversiv an der Liebe ist und was positiv ist an der Zurückweisung von Beschränkungen, solche Leute haben eine Leiche in ihrem Mund.“ Rezensionen, die die Anschlussmöglichkeiten für Queer & Kapitalismuskritik umreißen, finden sich hier und hier.

Geschlecht und kapitalistische Produktionsweise, Queer und Antikapitalismus – Skizzen für neue Perspektiven

von Heinz-Jürgen Voß, Oktober 2011; zuerst auf dasendedessex.blogsport.de – Den Beitrag gibt es hier auch als pdf-Datei.

 

Um wirksame Konzepte für eine gerechte Gestaltung der Geschlechterordnung erarbeiten zu können, ist ein grundlegendes Verständnis der gesellschaftlichen Bedeutung von Geschlecht in der derzeitigen kapitalistischen, bzw. vielmehr spät-kapitalistischen, Wirtschaftsordnung erforderlich. Eines ist ganz offensichtlich: Die geschlechtliche Einordnung in Frau und Mann ist, bei allen Veränderungen der Art der Zuordnung und der geschlechtlichen Durchdringung der Gesellschaft, historisch hoch stabil. Wenn man bei wenigen gesellschaftlichen Bereichen von „Dispositiven“ im Sinne Michel Foucaults sprechen kann, so gilt das für „Geschlecht“, für „Frau und Mann“. Es handelt sich nicht nur um „Diskurse“, sondern um einen verfestigten gesellschaftlichen Bodensatz, der als quasi-natürlich erscheint, nicht befragt, geschweige denn intellektuell durchdrungen und verstanden wird. Continue reading “Geschlecht und kapitalistische Produktionsweise, Queer und Antikapitalismus – Skizzen für neue Perspektiven” »

Kapitalismuskritische Perspektiven im Anschluss an Volkmar Sigusch

(von Heinz-Jürgen Voß, zuerst veröffentlicht bei www.kritisch-lesen.de (Direktlink); Zweitveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.)

 

Volkmar Siguschs 1984 erschienenes Buch „Die Mystifikation des Sexuellen“ bietet gute Anknüpfungspunkte, um die Eingebundenheit der Kategorien „Geschlecht“ und „Sexualität“ in die kapitalistische Produktionsweise verstehen und Ableitungen für emanzipatorisches Streiten treffen zu können. Zusammen mit weiteren – auch neueren – Arbeiten Siguschs ergeben sich Anschlussmöglichkeiten für die kapitalismuskritische und antikapitalistische Fortentwicklung feministischer und queer-feministischer Ansätze.

Nach dem Zusammenbruch „des Ostblocks“ seit dem Ende der 1980er Jahre setzte sich zunächst eine breite Enttäuschung und Lethargie bezüglich gesellschaftlicher Alternativen durch. Eine Alternative zum kapitalistischen Wirtschaftssystem erschien vielen als quasi unmöglich. Gleichzeitig brachen auch „im Westblock“ – insbesondere in den „alten Bundesländern“ der dann um die „neuen Bundesländer“ vergrößerten Bundesrepublik Deutschland – große Teile der linken, sozialistischen Infrastruktur weg, die zuvor über Unterstützung aus dem Lager sozialistischer Staaten mitfinanziert worden war. Ergebnis auch dieser beiden Entwicklungen war es, dass es um kapitalismuskritische oder gar antikapitalistische Ansätze zunächst still wurde. Waren in den 1980er Jahren in der DDR und der BRD Alternativen zum kapitalistischen Wirtschaftssystem auch feministisch (und teilweise schwul) erdacht wurden, die auf Gleichberechtigung von Frauen und Männern zielten und sich gegen eine staatliche Reglementierung von Sexualität wandten, so kamen nun feministische Ansätze diesbezüglich zahnlos daher, fand lediglich noch eine Beschreibung des Lebens von Frauen und Männern auf Basis der derzeitigen Wirtschaftsordnung statt. Diese Entwicklung betraf auch die einsetzenden queer-feministischen Überlegungen, die sich gegen die Grundannahme binärer Geschlechtlichkeit wandten (und die die Kritiken an heterosexuellen Normen und Zwängen befeuerten). Ist zwar schon in dem Begriff der „Performativität“ im Anschluss an die „Queer-Ikone“ Judith Butler deutlich angelegt, wie das stete Aufgreifen von Zeichen und Symbolen durch die Menschen selbst erst zur steten Herstellung von Geschlecht führt und wie den Menschen dieser Zusammenhang aber nicht klar wird, weil ihnen der Zusammenhang ihrer eigenen Tätigkeit und ihres eigenen Zusammenleben als „vom Wollen und Laufen der Menschen unabhängige, ja dies Wollen und Laufen erst dirigierende“ (Karl Marx, „Die deutsche Ideologie“) Erscheinung vorkommt, so gelingt es vielen Rezipient_innen von Butlers Theorien nicht, an diesen kapitalismuskritischen Fingerzeig anzuschließen. Geschlecht ist – und das macht Butler in „Gender trouble“ („Das Unbehagen der Geschlechter“) klar – eben nicht einfach da, sondern ist gesellschaftlich eingebunden und entsteht erst durch das stete und ständige Tun der Menschen. Continue reading “Kapitalismuskritische Perspektiven im Anschluss an Volkmar Sigusch” »

Weg mit dem Queer-Ding! Ansätze für eine queere Kapitalismuskritik

Debattenbeitrag im Anschluss an arranca Nr. 41 und red & queer Nr. 16 zu aktuellen deutschsprachigen Arbeiten „queerer Ökonomiekritik“; verfasst von Heinz-Jürgen Voß.

Eine Situationsbeschreibung
In der Ausgabe der lesbisch-schwulen Zeitschrift Siegessäule Juli/2008 wurde unter dem Titel „Queer gewinnt“ ein abschließendes plastisches Bild davon gezeichnet, wie „Queer“ nicht nur in Subkulturen verstanden, sondern wie es aktuell auch in der deutschsprachigen Rezeption der „Queer theory“ verhandelt wird. „Berlin ist total queer. Wir feiern das, wir sind mal so frei. Doch leider gibt’s immer noch genug Leute, die uns das vermasseln wollen“ – heißt es dort, womit punktgenau die Problemfelder benannt sind, die eine unbedingte Kritik an Queer und derzeit prominent verhandelten deutschsprachigen Arbeiten zu „Queerer Ökonomiekritik“ notwendig machen.
Queer muss an dieser Stelle nicht grundsätzlich erläutert werden; es sei nur zu den bislang verbreiteten Definitionen seines perversen, verstörenden, zu Normierungen und kollektiven Identitäten kritischen Charakters hinzugefügt, dass Queer einen Ursprung in radikalen politischen Bewegungen hat. Queer wurde nicht in abgeschlossenen Elfenbeintürmen als abstraktes Gedankengebäude erdacht, wie es derzeit mit den ausschließenden Verhandlungen an Universitäten und auf Konferenzen den Anschein macht, schon gar nicht wurde es von Männern und Frauen einer weißen bürgerlichen Mittelklasse entwickelt. Irgendwann war es nur sexy und einladend genug auch für diese – und im deutschsprachigen Raum kommt noch diese anziehende sprachliche Unverständlichkeit hinzu, die weniger Abwehr erwarten lässt, als wenn man sich als „Schwuchtel“ oder „Tunte“ bezeichnete. Continue reading “Weg mit dem Queer-Ding! Ansätze für eine queere Kapitalismuskritik” »

Queerfeministische Ökonomiekritik? Eine Randnotiz zum Ende des Kapitalismus

(von Salih Alexander Wolter, veröffentlicht in: „Rosige Zeiten“ (Oldenburg, www.rosige-zeiten.net), Nr. 128, Juni/Juli 2010)

Ein kleines Aufmerken verdient es doch, dass sie den Kapitalismus jetzt auch endlich – nein, nicht weggehauen, sondern dekonstruiert haben. Kathrin Ganz und Do. Gerbig nämlich, die so was natürlich am PC erledigen. Was sie in der arranca! 41 unter dem üppigen Titel Diverser leben, arbeiten und Widerstand leisten: Queerende Perspektiven auf ökonomische Praxen der Transformation veröffentlicht haben, nennen sie einen Beitrag zur „queerfeministischen Ökonomiekritik“. Aber in dem Aufsatz wird bloß Diversity-Lyrik, wie sie artiger nicht einmal deutsche Großbanken vorzutragen verstehen, mit dem „subversiven“ Gedankengut der Saison gestreckt – und unversehens hat der Kapitalismus fertig.
Dabei machen Ganz und Gerbig in der Einleitung noch in verbaler Street-Credibility : „Alles beginnt für uns damit, die Norm des Kapitalismus … anzugreifen.“ Klingt das nicht nach „Systemfrage stellen“? So lautete bündig die Überschrift einer Vorschau auf die zahlreichen Veranstaltungen, bei denen in diesem Jahr zum 8. März und noch Wochen danach überall in Deutschland junge Linke „Forderungen der ‚traditionellen‘ antikapitalistischen Frauenbewegung“ aufnehmen und erweitern wollten. Denn in den Horizont einer umfassenden Gesellschaftskritik gehören längst auch intersektionale Ansätze, wie sie hierzulande vor allem von Schwarzen Lesben und migrantischen Queer- Aktivist_innen aus ihren spezifischen Erfahrungen von Mehrfachdiskriminierung heraus erarbeitet werden. Entsprechend wandten sich die linken Frauen gegen „einen Feminismus, ‚der sich nicht mit der Verschränkung verschiedener Herrschaftsstrukturen wie Rassismus, Kapitalismus und Geschlechterverhältnissen auseinandersetzt und sich nur um die Belange einer weißen Mittelschicht bemüht‘“. Sie lehnten also ausdrücklich einen Mainstream ab, „der individualistisch oder sogar an traditionellen Vorstellungen orientiert sei“, und bezogen sich dazu teilweise gleichfalls auf queerfeministische Ökonomiekritik (Zitate aus junge welt vom 5. März 2010). Doch was Kathrin Ganz und Do. Gerbig unter diesem Stichwort abliefern, erscheint wie das Gegenprogramm, mit dem ein komplizierter gewordenes Leben gleichsam wieder zum Ponyhof verklärt wird. Die „Intersektionalitätsdebatte“ dient ihnen dabei lediglich als Vorwand, das Kapitalverhältnis nicht länger so wichtig nehmen zu müssen – und genau deshalb können sie auch nicht an emanzipatorische Traditionen anknüpfen oder diese gar fortentwickeln. Clara Zetkin und Simone de Beauvoir waren bereits viel weiter. Continue reading “Queerfeministische Ökonomiekritik? Eine Randnotiz zum Ende des Kapitalismus” »