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Kapitalismuskritische Perspektiven im Anschluss an Volkmar Sigusch (von Heinz-Jürgen Voß, zuerst veröffentlicht bei www.kritisch-lesen.de (Direktlink); Zweitveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.) Volkmar Siguschs 1984 erschienenes Buch „Die Mystifikation des Sexuellen“ bietet gute Anknüpfungspunkte, um die Eingebundenheit der Kategorien „Geschlecht“ und „Sexualität“ in die kapitalistische Produktionsweise verstehen und Ableitungen für emanzipatorisches Streiten treffen zu können. Zusammen mit weiteren – auch neueren – Arbeiten Siguschs ergeben sich Anschlussmöglichkeiten für die kapitalismuskritische und antikapitalistische Fortentwicklung feministischer und queer-feministischer Ansätze.
Sexualität und Geschlecht als eingebunden in kapitalistische ProduktionsweiseDass Kapitalismus nicht „nur“ Wirtschaftsordnung ist, sondern alle Bereiche des Zusammenlebens der Menschen, alle Bereiche der Gesellschaft erfasst, haben Wissenschaftler wie Volkmar Sigusch auch bezüglich Sexualität (und Geschlecht) auf den Punkt formuliert. In dem 1984 im Campus-Verlag erschienenen Buch „Vom Trieb und von der Liebe“ schreibt Sigusch klar:
In dem im gleichen Jahr erschienenen Band „Mystifikation des Sexuellen“ vertieft Sigusch diese Perspektive und stellt anhand der Theorien von Karl Marx dar, wie Sexualität in der kapitalistischen Gesellschaft in der heutigen Form erst herausgebildet wird. Sigusch führt aus, wie Gefühle, das Geschlechtliche und das Sexuelle lediglich in den engen vorgesteckten Grenzen in einer durch Waren strukturierten Gesellschaft erlebt werden und erlebt werden können. Die sexuelle Revolution seit den 1960er Jahren bedeutete so auch, dass selbst die zunächst von der bürgerlichen Gesellschaft verworfenen Sexualitäten und Lebensweisen – wie Homosexualität, Transsexualität und Sadomasochismus – zu einem direkten Ziel kapitalistischer Produktion werden konnten. Für Geschlecht weitergedacht, deutlicher als es Sigusch macht (und will), heißt dies, dass Weiblichkeit und Männlichkeit – und die individuelle Versicherung derselben – durch Konsum sichergestellt werden: Kleidung, Parfüms (mit weitgehend eindeutig konnotierten geschlechtlichen Duftnoten und Aufschriften), Fitness, Trainings, biographische Erlebnisse (Reiseerlebnisse wie Abenteuerreisen, „Mut“ in Freizeitparks, in einer eigenen Peergroup akzeptiert sein) und teilweise und zunehmend selbst medizinische Operationen (so insbesondere Penislängenveränderung, Brustveränderung bzw. Schamlippenverkleinerung oder -vergrößerung) werden genutzt, um sich anhand der gelernten Geschlechtsstereotype eindeutig und sicher als „weiblich“ oder „männlich“ herzustellen. Mit dieser kapitalistischen Durchdringung des Geschlechts noch nicht genug, werden zahlreiche Stereotype selbst massiv durch Werbung für Produkte – sei es in Fernsehen, in Zeitschriften, auf Plakatwänden – bestätigt und hervorgebracht. Zunehmende ökonomische Unfreiheiten, zunehmende sexuelle Freiheiten„Queer“ – in welcher der derzeitigen populären und wissenschaftlichen Definitionen auch immer – bedeutet in jedem Fall eine Vervielfältigung von in der Gesellschaft zumindest tolerierten Lebensweisen. So ist es gut, dass 1994 auch in der Bundesrepublik Deutschland die massive Verfolgung und Benachteiligung von Homosexuellen zumindest in den Gesetzen weitgehend endete. Menschen können vielfältiger leben und tun dies auch. Doch bereits hieraus direkt ein kapitalismuskritisches Wirken abzuleiten, liefe fehl. Vielmehr ist seit dem Zusammenbruch „des Ostblocks“ offensichtlich, wie soziale Sicherungssysteme massiv zurückgebaut werden, wie Erwerbsarbeit immer deregulierter wird und immer flexibler geleistet werden muss. Auffällig ist, wie die Deregulierung und Enthemmung des Kapitalismus parallel dazu verläuft, dass auch Forderungen der Frauenbewegung und der Schwulenbewegung umgesetzt werden. Dabei werden nur einige der Forderungen dieser sozialen Bewegungen übernommen und beispielsweise in entpolitisierten Gender-Mainstreaming- und Management-Diversity-Programmen umgesetzt. Auch solche Programme sind zwar wichtig, weil sie dazu führen können, dass Menschen weniger diskriminiert werden. Gleichzeitig sollte aber wahrgenommen werden, dass eben nicht die herrschafts- und patriarchatskritischen Forderungen der Feministinnen und Schwulen übernommen wurden. Volkmar Sigusch drückt das in seinem 2005 erschienenem Band „Neosexualitäten: Über den kulturellen Wandel von Liebe und Perversion“ folgendermaßen aus:
Ein Kapitalismus, der ökonomische Unfreiheiten in immer stärkerem Maße produziert, in dem die durch soziale Kämpfe errungenen sozialen Standards gestrichen werden und in dem Menschen in zunehmendem Maße gezwungen werden in ungesicherten, befristeten, wechselnden Beschäftigungsverhältnissen zu arbeiten, kommt gut mit sexueller und geschlechtlicher Pluralität aus. Er orientiert sogar auf Individualität und Flexibilität auch in Beziehungsverhältnissen, weil Menschen so variabler einsetzbar und entlohnbar sind. Sexuelle und geschlechtliche Pluralität stehen offenbar nicht im Gegensatz zu kapitalistischer Produktionsweise. Vielmehr werden flexibilisierte Lebensweisen auch durch die aktuellen – postfordistischen – Veränderungen der kapitalistischen Produktionsweise angereizt und erzwungen. Andersherum ausgedrückt – und auch das ist eine mögliche Perspektive – erweist sich der Kapitalismus als äußerst anpassungsfähig und in der Lage, auch Gegenbewegungen in Teilen zu integrieren. Und hier ergibt sich ein weiteres Paradox: Die Emanzipation von Frauen/Lesben und Schwulen erweist sich sogar aus nationaler Perspektive als äußerst hilfreich, um das militärische Eingreifen in anderen Ländern zu rechtfertigen und die eigenen Interessen hierfür zu verschleiern. Zeigten und zeigen sich die Bevölkerungen in Frankreich und der Bundesrepublik Deutschland als äußerst skeptisch gegenüber dem militärischen Engagement in Afghanistan, so empfahl die CIA – wie über Wikileaks öffentlich gemachte Protokolle zeigen –, die Skepsis der Menschen zu überwinden, indem man in öffentlichen Begründungen des Krieges explizit Emanzipation fokussierte. Neben der rassistischen Komponente, die in verschiedenen aktuellen Arbeiten sehr gut aufgearbeitet wurde (vgl. Klauda 2008; Yilmaz-Günay 2011), ergibt sich der Nebeneffekt, dass die „eigene“ Gesellschaft – also die Bundesrepublik Deutschland – als emanzipatorisch erscheint und die massive gesellschaftliche Benachteiligung und Gewalt unter anderem gegenüber Frauen/Lesben und Schwulen aus dem Blick gerät. Sigusch legte in diesem Jahr nach und zumindest der von ihm mitherausgegebene Band „Sex tells: Sexualforschung als Gesellschaftskritik“ (2011) trägt zu einer Bestandsaufnahme bei, mit der Lehren für das weitere emanzipatorische, kapitalismuskritische und antikapitalistische Streiten gezogen werden können. Diese und die übrigen benannten Arbeiten sollten aktuell neu zur Kenntnis genommen und in feministische und queer-feministische Analysen einbezogen werden. Sie geben einen guten Einstieg, um die enge Verwobenheit von Sexualität, Geschlecht und kapitalistischer Produktionsweise zu verstehen und theoretische und praktische Ableitungen zu treffen. Zusätzlich verwendete LiteraturKlauda, Georg 2008: Die Vertreibung aus dem Serail. Europa und die Heteronormalisierung der islamischen Welt. Männerschwarm Verlag, Hamburg. Sigusch, Volkmar/ Amendt, Günter/ Schmidt, Gunter 2011: Sex tells. Sexualforschung als Gesellschaftkritik. Konkret Literatur Verlag, Hamburg. Sigusch Volkmar 2005: Neosexualitäten. Über den kulturellen Wandel von Liebe und Perversion. Campus Verlag, Frankfurt/New York. Sigusch, Volkmar 1984: Vom Trieb und von der Liebe. Campus Verlag, Frankfurt/New York. Sigusch, Volkmar1984: Die Mystifikation des Sexuellen. Campus Verlag, Frankfurt/New York. Yilmaz-Günay, Koray 2011: Karriere eines konstruierten Gegensatzes: zehn Jahre «Muslime versus Schwule. Sexualpolitiken seit dem 11. September 2001. Eigenverlag, Berlin.
Fortsetzen: Zur unbedingt notwendigen Verbindung von Queer & Kapitalismuskritik ist eine breitere Debatte in Gang gekommen, die es lohnt, zu verfolgen und fortzusetzen. Hier finden sich einige Beiträge sowie sich anschließende Diskussionen verlinkt: 1) Dieser Beitrag löste die Debatten aus: "Diverser leben, arbeiten und Widerstand leisten - Queerende Perspektiven auf ökonomische Praxen der Transformation" (Kathrin Ganz, Do. Gerbig) 2) Es erschien darauf hin diese Kritik: "Queerfeministische Ökonomiekritik? Eine Randnotiz zum Ende des Kapitalismus" (Salih Alexander Wolter) 3) Hier auf www.schwule-seite.de - in Kooperation mit www.leipziger-kritiken.de und www.verqueert.de - wurde diese Kritik noch einmal unterlegt: "Weg mit dem Queer-Ding! Ansätze für eine queere Kapitalismuskritik" (Heinz-Jürgen Voß) 4) In einem Vortrag finden sich die Kritiken nun ausgebaut. Er kann bei audioarchiv.blogsport.de nachgehört werden: "Queer & Kapitalismuskritik" bzw. "Geschlecht und kapitalistische Produktionsweise". Ein an den Vortrag anknüpfender schriftlicher Beitrag findet sich hier. Das Buch "Geschlecht: Wider die Natürlichkeit" nimmt solche Betrachtungen als Ausgangspunkt. Es wird erarbeitet, warum Menschen stets schon gesellschaftlich sind und warum wir dennoch gern soviel als "natürlich" - vorgegeben und unabänderlich - erklären. Hierzu ebenfalls zu empfehlen ist der von Heike Friauf herausgegebene Band "Eros und Politik", dort u.a. der Beitrag von Leo Kofler "Eros, Ästhetik, Politik - Thesen zum Menschenbild bei Marx". |