|

Die Bundeswehr ist kein "normaler Arbeitgeber"! - Bevor Du unterschreibst solltest Du das lesen (pdf), mehr gibts bei der DFG-VK. Wenn auch schwieriger, Du kannst auch als Zeitsoldat den Kriegsdienst verweigern - informier Dich u.a. bei der Zentralstelle KDV!











|
Ohne
Osten kein Westen
Zur Diskussion: drei aktuelle Bücher, drei Analysen
von Wirtschaft und Demokratie(Buchbesprechung, Autorin Heinz-Jürgen Voß,
vorab aus "Rosige Zeiten" (Oktober, November 2009), www.rosige-zeiten.net; hier in leicht geänderter Fassung)
Ihr Lieben, es wird wirtschaftspolitisch
und politisch. Dennoch: Blättert nicht gleich weiter, es ist wichtig,
es geht um grundlegende wirtschaftliche und demokratische Fragen in der
aktuellen Gesellschaft – und hervorragende, auch gut lesbare analytische
und wegweisende Beiträge zu diesen.
Vorweggenommen sei, dass wir die Autorinnen der drei Bücher kennen,
als prominente Vertreterinnen bzw. Sympathisantinnen der Partei Die Linke.
Allerdings grinsten sie uns nicht von den großen Stellwänden
im Wahlkampf an, wie es Gregor Gysi und Oskar Lafontaine aller Orten taten.
Es war offensichtlich noch nicht an der Zeit mit ihnen so intensiv zu
werben. Bei einem Blick auf sie – Daniela Dahn, Sahra Wagenknecht,
Katja Kipping – als Autorinnen wäre der Beschluss über
ihre Werbewirksamkeit gewiss anders ausgefallen.
Daniela Dahn „Wehe
dem Sieger! Ohne Osten kein Westen“ steht mit dem Buchtitel
auch für den Titel dieser Besprechung Patin. Ihr Buch gibt einen
Rahmen, mit dem sich alle drei Bücher sehr schön zusammenfügen:
Ohne Osten ist der Westen aus den Fugen. Dahn wendet sich aus einer anderen
als oftmals üblichen Perspektive der Wende 1989/1990 zu. Sie wählt
eine nüchterne Perspektive, die auch Osten ernstnimmt. Bisher kamen
hingegen Stimmen von ehemaligen DDR-Bürgerinnen oftmals in Debatten
zu kurz, wurde ihnen eingeredet, doch froh sein zu dürfen, dass die
ehemaligen BRD-Bürgerinnen sie überhaupt haben wollten. Etwas
mehr Selbstbewusstsein wäre schön – und wichtig für
die weitere gesellschaftliche Entwicklung.
Dahn legt dar, wie Osten und Westen sich im globalen Maßstab zusammenfügten,
einander bedingten. Das sozialistische Lager stand für eine Utopie
von einer gerechten Gesellschaft. Auch wenn diese Utopie nicht umgesetzt
wurde, Andersdenkende vielfältig verfolgt wurden, so war mit dem
sozialistischen Osten doch ein Druck auf einen kapitalistischen Westen
gegeben, nicht zu radikal-kapitalistisch zu sein. Anspruch auf einen Arbeitsplatz,
flächendeckende Kinderversorgung, eine weiter gediehene Gleichberechtigung
von Frau und Mann im Osten bedingten, dass auch im Westen gewisse soziale
Standards gehalten werden mussten, sie unterstützten das soziale
Netz insbesondere in der BRD.
Wer könnte sich heute vorstellen, nicht zur Erwerbsarbeit zu erscheinen,
dennoch höheres Gehalt zu fordern, Kolleginnen ungerecht zu behandeln
und dennoch nicht entlassen zu werden? In der DDR war dies möglich.
Es gab den Anspruch auf einen Arbeitsplatz, Kündigung durch die genossenschaftliche
Leitung des Unternehmens (Kombinat, LPG) war quasi undenkbar und hätte
eher auf das Unternehmen ein schlechtes Licht geworfen. So konnten Direktorin
und Mitarbeiterin im Unternehmen nur darauf hoffen, dass diejenige selbst
kündigte. Ohne solchen Exzess der Ausnutzung der eigenen Rechte:
Frisiersalonbesuche, wichtige behördliche Gänge, kurz mal bei
den Kindern im Betriebskindergarten vorbeigucken – all das war Alltag
in der DDR. Dahn beschreibt dies plastisch.
Ein solcher Hintergrund der Erwerbsarbeit schafft Platz, schafft einen
freien Rücken, erleichtert einen wichtigen Teil des Lebens. Er ist
somit nicht zu unterschätzen. Und so wie der Osten insgesamt an Demokratie
entbehrte, entbehrte er in diesem Sinne auf betrieblicher Ebene keiner
Demokratie. Hier konnte vieles gesagt werden und wurde vieles gesagt –
dieser Demokratie entbehrt der Westen, auch und gerade aktuell. In der
jetzigen BRD, in der die DDR aufgegangen ist, ist die Arbeitnehmerin all
dieser beschriebenen Möglichkeiten entkleidet. Schon der geringste
Fehler wird im Zweifel gegen sie verwendet – krasses Beispiel ist
der Fall der Kassiererin bei Kaisers, der wegen etwas mehr als einem Euro
(angeblich) falsch abgehefteter Pfandbonds gekündigt wurde. Aber
(fast) alle Arbeitnehmerinnen sind von einer solchen Bedrohungssituation
betroffen: Stimmen sie derzeit nicht Lohnkürzungen oder Mehrarbeit
zu, organisieren sie sich gewerkschaftlich (Beispiele: Aldi, Schlecker)
werden Möglichkeiten gefunden, sie zu entlassen. Ohne Erwerbsarbeit
sind sie in der jetzigen Gesellschaft entwertet. Schon beim Arbeitsamt
(neu: Arbeitsagentur) und der oft schlechten und pampigen Behandlung dort
wird ihnen deutlich gemacht, dass sie – erwerbslos – nichts
wert sind und auf Rechte zu verzichten haben. So wird, durch das sehr
geringe Arbeitslosengeld II, ihr Recht auf politische Mitbestimmung beschnitten,
sollen oft Steine bei der freien Wohnortwahl in den Weg gelegt werden.
Schließlich werden Kinder genötigt, bis zum 25. Lebensjahr
bei ihren Eltern zu wohnen, auch wenn sie lesbisch, schwul oder transident
sind und es ggf. Probleme mit dem Outing (sofern sie ein solches anstreben)
bei den Eltern gibt.
Dahns sicherlich nicht unparteiischer, analytisch-scharfer und fundierter
Beitrag eröffnet einen neuen Blick, der der eigenen Ergebnisfindung,
der eigenen Blickweise dient. „Die Zeit ist aus den Fugen“,
der Osten ist weggebrochen und Dahn stellt fest, dass auch der Sozialstaat
im verbliebenen Westen immer mehr aus den Fugen gerät. Darüber
hinaus geraten auch ganze Länder aus den Fugen, die ehemals stabil
waren – und auch für ihre Instabilität gibt es Interessen.
Auch prominente „Wirtschaftsexpertinnen“ sprechen mittlerweile
öffentlich davon, dass zu kapitalistischer Wirtschaftsordnung Krisen
dazu gehören. Krisen sind in dieser Wirtschaftsordnung angelegt und
kehren immer wieder. Sie werden gedeutet, dass sie auch zu einer stärkeren,
rascheren technischen Entwicklung beitragen. Dahn stellt die wirtschaftliche
Bedeutung von Krisen im Kapitalismus ebenfalls heraus, weist darüber
hinaus darauf hin, dass es auch an der politischen Instabilität von
Ländern, also deren Krisenhaftigkeit, Interesse gibt: Nach Belieben
haben hier die Länder, die sich selbst als demokratisch beschreiben,
den Grund mit Armeen einzumarschieren, dies nicht als Krieg zu bezeichnen,
sondern als humanitäre Hilfe, als Auseinandersetzung mit Terrorismus.
Dann wird wieder ein neues – undemokratisches – Regime aufgebaut
und unterstützt, bis es bei diesen sich als demokratisch gebärdenden
Ländern in Ungnade fällt, als undemokratisch, terroristisch
propagiert und ein neuerliches Einschreiten als erforderlich dargestellt
wird.
Selbst vom Handelsblatt gelobt,
bietet das Buch Sahra Wagenknechts „Wahnsinn mit Methode:
Finanzcrash und Weltwirtschaft“ den Hintergrund um die
wiederkehrenden, zirkulierenden wirtschaftlichen Krisen zu verstehen.
Sonst bleiben der Laiin die wirtschaftlichen Abläufe oft verborgen,
oft unerklärlich, kann man kaum begreifen, wie überhaupt die
derzeitige Krise entstehen konnte. Wagenknecht macht plastisch und verständlich,
mit immer wieder eingefügten bildhaften Beispielen, wie kapitalistisches
Wirtschaften funktioniert, wie die aktuelle Krise entstehen konnte.
Historisch arbeitet sie auf, dass wiederkehrende Krisen, die auf Spekulation
oder Überproduktion basieren, zu dem kapitalistischen Wirtschaften
dazugehören. Sie bringt das Beispiel des Tulpenbooms, bei dem im
Jahr 1637 auf Tulpenzwiebeln spekuliert wurde. Die Preise trieben immer
höher, investierende Leute nahmen Kredite auf, um an diesem Boom
teilnehmen zu können – bis jemand begann, Kasse zu machen,
Lager zu räumen, um die Gewinne zu realisieren. Nun mussten viele
verkaufen, da sie durch die Zinsen für die Kredite enge Margen hatten,
in denen sie keine Verluste hatten oder gar alles verloren. Die Preise
für Tulpenzwiebeln stürzten rasch in den Keller. Wer früh
in die Investition eingestiegen war, war die Tulpenzwiebeln an später
Eingestiegene mit einigem Gewinn los geworden, spät Eingestiegene
verloren oft ihre ganze Habe.
Weitere Beispiele für solche Krisen ist die Spekulation auf sumpfiges,
unbebaubares morastiges Land in Florida. In den 1920er Jahren schnellten
die Preise hierfür in die Höhe. Zunächst hatten es Leute
billig gekauft, weil es eben unbebaubar war. Aus der geografischen Unkenntnis
in Europa entwickelte sich eine rege Nachfrage selbst nach solchem Land
in Amerika. Die Preise stiegen – und sanken dann auch wieder rasch.
Ungekannt waren die Ausmaße der Wirtschaftskrise in den 1920er Jahren.
Immer mehr Konzentration in wenigen Monopolen hatte Kapital gebündelt,
dass nun als „Heuschrecke“ durch die Welt ziehen konnte, Investitionsobjekte
finden konnte. Ziel waren nun Aktien, mit denen gehandelt wurde, deren
Preise in die Höhe trieben – und dann fielen. Resultat war
eine Wirtschaftskrise, die die Verantwortung an dem Elend vieler Menschen
in den ersten Jahren der 1930er Jahre trägt. Neuere Krisen sind eher
im Gedächtnis: Die Wirtschaftskrise von 1987 und der folgenden Jahre,
die insbesondere die USA und Japan betraf, und an der die BRD vorbeischrammte,
da sich mit dem Anschluss der DDR ein neuer Markt für in der BRD
nicht mehr absetzbare Produkte eröffnete. Anfang des 21. Jh. war
die Krise der „New Economy“, und nun findet die nächste
Krise, die Finanzkrise, statt, die bei faulen Krediten begann und nun
nahezu alle Bereiche der Wirtschaft erfasst hat. Später wird sie
auch die gesamte Gesellschaft erfassen, werden mit der „Notwendigkeit
von Einsparungen“ soziale Rechte, kulturelle Angebote und wohl auch
Angebote zur Selbsthilfe – bspw. auch von Lesben, Schwulen, Transidenten
– abgebaut werden.
Solche Krisen, Spekulationsblasen wiederholten sich und sind Ende des
20. Jahrhunderts, Anfang des 21. Jahrhunderts wie eine kurzzyklisch wiederkehrende
Krankheit. Nur beim kapitalistischen Wirtschaften stellen sie keine Krankheit
dar: Hier sind sie angelegt, werden so interpretiert, dass sie technische
Entwicklung befördern. Die Frage ist nur, ob sie auch gut für
gesellschaftliche Entwicklung sind oder ob eine nachhaltige, fundierte
gesellschaftliche Entwicklung verbunden mit einer eben solchen wirtschaftlichen
Entwicklung sinnvoller wäre. Ausgeblendet wird durch das Hantieren
mit Begriffen und das Nachdenken über Geld und über Einbrüche
und Wachstumsraten in Prozent, dass es sich um konkrete Menschen handelt,
die profitieren oder leiden. Die derzeitige Krise trifft viele Menschen
auf der Erde hart: Preise für Rohstoffe sind weggebrochen, was Menschen
in wirtschaftlichen „Entwicklungsländern“ die Lebensgrundlage
nimmt. Unlängst nahm die Uno zur Kenntnis, dass das Ziel Hunger und
Durst, an dem jeden Tag viele Menschen weltweit leiden und sterben, zu
verringern, nicht so rasch oder gar nicht zu erreichen ist. Hier leiden
reale Menschen – sie gehen unter Zahlen schnell unter.
Wagenknecht verbleibt bei Zahlen, merkt aber auch immer wieder die Verantwortung
gegenüber Menschen an. Sie liefert eine Analyse, historisch und aktuell,
ohne vorschnell zu urteilen. Das Urteil überlässt sie der Leserin.
Wagenknecht analysiert, warum die Hypo Real Estate in der BRD am Härtesten
von faulen Krediten betroffen war. Diese Bank kaufte – und das war
Gang und Gebe und ist es auch heute noch – Kreditlinien von anderen
Banken ab. Diese anderen Banken hatten nun den Vorteil, dass sie schnell
Geld zur Verfügung hatten, weniger als Sicherheit zurückstellen
mussten und so schnell viele neue Kredite vergeben konnten. Problem hier
(um nur auf kapitalistischer Ebene zu verbleiben): Ihr Interesse konnte
sich allein auf die Menge – die Quantität – an Krediten
richten, wie gut oder schlecht sie abgesichert waren, wurde zweitrangig.
Viele der unzureichend abgesicherten – faulen – Kredite sammelten
sich bei der Hypo Real Estate – es handelt sich aber um ein Versagen
aller Banken, weil alle schlecht geprüft haben. So kommt die Deutsche
Bank auch deshalb mit einem blauen Auge aus der Krise, weil sie schneller
war, ihre faulen Kredite schneller weiterverkaufte und besser dabei war,
nur den Weizen statt der Spreu zu behalten. Die schlechtesten solcher
Kredite wurden in Größenordnungen gebündelt, mit „guten“,
weil ausreichend abgesicherten Krediten gemischt – und so als undurchsichtige
Massenware am Markt platziert, wo sich auch stets Käuferinnen fanden.
Auch für diese Spekulationsblase gilt: Wer solche Kredite früh
kaufte und mit Gewinn weiterverkaufen konnte, machte Gewinn – die
letzten Käuferinnen bissen die Hunde.
Deutlich wird bei Wagenknecht, dass die Krise viel früher den handelnden
Wirtschaftlerinnen bekannt war, als sie akut ausbrach. Wer die aktuelle
Entwicklung verfolgt, findet das bestätigt: Ohne ausreichend Kennzahlen
haben sich die Aktienmärkte erholt, es werden die gleichen Investmentprodukte
weiterverkauft wie vorher auch – Appelle der Politik an Banken und
Finanzsystem brachten hier nichts, auch nicht die neuerlichen von Angela
Merkel und Nicolas Sarkozy. Die Krise ist angelegt, Versprechungen und
unverbindliche Abmachungen helfen nichts – gefordert ist Politik,
gesetzliche Rahmenbedingungen – insbesondere Beschränkungen
– zu schaffen.
An der Politik hapert es aber. Hierfür
ist das Buch von Katja Kipping „Ausverkauf der Politik:
Für einen demokratischen Aufbruch“ Analysehilfe und
einen Ausweg weisend. Kipping arbeitet aus ihrer eigenen parlamentarischen
Erfahrung Mängel im aktuellen sich als demokratisch gerierenden System
der BRD heraus. Sie beschreibt den Alltag im Bundestag, in dem wichtige
Entscheidungen in „Expertinnen-Gremien“ verlagert werden.
Wenn überhaupt, ist in solchen Gremien nur noch eine Parlamentarierin,
also eine gewählte Repräsentantin vertreten. Hingegen finden
sich unter den ungewählten „Expertinnen“ viele mit Kontakten
zu und beeinflusst von Interessensverbänden, meistens großer
Konzerne. Die Gremien erarbeiten die Grundlagen für Gesetze und Verordnungen,
beraten die Ministerien in der Umsetzung von Gesetzen, nehmen erheblichen
Einfluss auf das Regierungshandeln. Im Bundestag werden die erarbeiteten
Vorlagen dann durch die Regierungsparteien durchgewunken.
Undemokratisches Vorgehen beschreibt Kipping auch für den Bundestag
selbst. Hier wird übliches Antragsprozedere ad absurdum geführt.
Anträge werden gestellt, befinden sich im Antragsprozedere. Einen
Tag vor der endgültigen Abstimmung über den eingereichten Antrag,
in den ggf. schon Änderungsanträge eingearbeitet wurden, wird
ein weiterer „Änderungsantrag“ von Seiten der Regierungskoalition
gestellt, der den Antrag unter Umständen vollständig in andere
Richtung verkehrt. Ein solcher „Änderungsantrag“ schiebt
den Fortgang des Antragsprozederes nicht auf, sondern es wird dennoch
am folgenden Tag endgültig abgestimmt. Da ein solcher „Änderungsantrag“
nicht selten am Abend des Vortages der Abstimmung eintrifft, bis zur Abstimmung
dann nur wenige Stunden verbleiben, bleibt Oppositionsparteien nur Zeit
zum Lesen, keine Zeit bleibt dafür, den „Änderungsantrag“
hinreichend – ggf. juristisch und sozial – zu prüfen,
Änderungsvorschläge zu erarbeiten oder – demokratisch
– eine breitere Öffentlichkeit zu informieren und zu befragen.
Kipping arbeitet an vielfältigen Beispielen heraus, wie Menschen
wirtschaftliche und politische Möglichkeiten genommen werden. Wirtschaftlich
ist dies bspw. durch die Unterversorgung mit Kinderbetreuung und durch
Studiengebühren der Fall. Menschen wird damit die Möglichkeit
genommen, selbstbestimmt ihr Berufsleben und ihre Bildung zu gestalten.
Politisch betrifft dies bspw. Beziehende von Arbeitslosengeld II, deren
Bewegungsfreiheit und Persönlichkeitsrechte beschränkt werden.
Sie werden so u.a. daran gehindert, sich ausreichend um ihre sozialen
Kontakte und um außerhalb ihres Wohnortes lebende Familienmitglieder
zu kümmern. Auch liegt der Besuch politischer Veranstaltungen außerhalb
ihrer Stadt, und auch innerhalb ihrer Stadt, oft außerhalb ihres
finanziellen Budgets – ihre politische, gesellschaftliche Teilhabe
wird unzulässig eingeschränkt.
Um Ausgleich zu schaffen, Menschen politische Betätigung zu erlauben
und allen mehr Selbstbestimmung zu ermöglichen, schlägt Kipping
ein bedingungsloses soziales Grundeinkommen vor. Nach ihrem Vorschlag
soll das Grundeinkommen bei 950 Euro liegen, die jeder Mensch unabhängig
der Einkommenssituation in der BRD erhalten soll. Auch die Millionärin
würde so diese 950 Euro erhalten, würde aber durch eine Vermögensabgabe
für ihre übrigen Millionen stärker in die Pflicht genommen,
sich an der Finanzierung des Grundeinkommens zu beteiligen. Ein solches
Grundeinkommen würde für alle etwas bringen: Tatsächlich
unzumutbare Beschäftigung würde zunehmend technisiert und durch
Maschinen ersetzt oder, sofern dies nicht möglich ist, würde
sie höher entlohnt werden. Der Druck auf Arbeitnehmerinnen würde
gesenkt werden, jede Zumutung im Job zu ertragen. Bislang ist es oftmals
schwierig bei schlechten Arbeitsbedingungen eine Erwerbsarbeit aufzugeben,
da dann ein Tiefes Loch – Arbeitslosengeld I oder II – droht.
Bei einem Grundeinkommen wäre die drohende Gefahr geringer, die Arbeitgeberin
müsste stärker für bessere Arbeitsbedingungen sorgen. Schließlich
würde durch ein Grundeinkommen die Beschränkung politischer,
gesellschaftlicher Teilhabe, die materiell bspw. bei Bezieherinnen von
Arbeitslosengeld II gegeben ist, aufgehoben.
Die Beiträge aller drei Autorinnen
sind, jeder für sich, exzellent. Sie analysieren, historisch und
aktuell. Sie geben eine Idee davon, was nach der Ende des 20. Jh. erfolgten
Überwindung von „Osten“ und „Westen“ eine
von Gerechtigkeit geprägte Gesellschaft berücksichtigen müsste.
Und sie regen uns alle an, nachzudenken und für das zu streiten,
was wir als Gerechtigkeit empfinden – und die aktuelle Gesellschaft
zusammen mit Verbündeten aktiv gerecht zu verändern.
Die Bücher:
Daniela Dahn (2009): "Wehe
dem Sieger: Ohne Osten kein Westen“, Rowohlt, ISBN: 978-3498013295
Sahra Wagenknecht (2008): "Wahnsinn
mit Methode: Finanzcrash und Weltwirtschaft", Das neue Berlin, ISBN:
978-3360019561
Katja Kipping (2009): "Ausverkauf
der Politik: Für einen demokratischen Aufbruch", Econ, ISBN:
978-3430200790
zurück zu Buchrezensionen
|